"Das gesamte Autoprojekt muss überarbeitet werden"

dpa

Von dpa

Di, 21. Juli 2020

Fussball International

Nach dem schwachen Start von Ferrari in die Formel-1-Saison steht auch Teamchef Mattia Binotto in der Kritik.

Mattia Binotto setzte sich auf einen roten Stuhl und rollte immer weiter nach hinten – bis der Teamchef des schwer kriselnden Formel-1-Rennstalls Ferrari mit dem Rücken zur Wand saß. Vermutlich war sich der 50-Jährige der Symbolhaftigkeit gar nicht bewusst, als er dort hockte bei der Videokonferenz in einem winzigen Raum im Motorhome der Scuderia auf dem Hungaroring zwischen seinen beiden enttäuschten Fahrern Sebastian Vettel und Charles Leclerc. Beide waren zuvor beim Großen Preis von Ungarn vom überragenden Lewis Hamilton im Mercedes sogar überrundet worden – Höchststrafe. Sehr schmerzlich sei das "für uns und unsere Fans", gab Binotto zu.

Bei Ferrari rätselt man über die Schwächen des Autos

Die ersten drei Rennen sind aus Ferrari-Sicht überstanden, schlimmer noch als befürchtet. Grund zur Freude brachte der Neustart nicht. Die Marke aus Maranello, die sich im Winter noch so auf den 1000. Grand Prix ihrer so ruhmreichen Historie in der Motorsport-Königsklasse in diesem Jahr gefreut hatte, rätselte auch nach ihrem 994. WM-Lauf über den SF1000 und dessen Potenzial. Vettel wurde Sechster – seine beste Saisonplatzierung. Leclerc mühte sich als Elfter ins Ziel – nicht mal ein Punkt. "Unsere Normalität ist nicht gut genug", betonte Vettel auf seiner quälenden Abschiedstournee. Ein paar Tage Vettel’sche Lebensnormalität bei seiner Familie in der Schweizer Wahlheimat dürften ihm nun guttun. Nach den drei Stresswochen ist am kommenden Wochenende rennfrei, ehe es zum Doppelpack nach Silverstone geht – zu den Heimrennen von Formel-1-Herrscher Hamilton.

Fast zwangsläufig wissen auch die beiden Ferrari-Piloten, dass sie diesen Hamilton auf dem Weg zum siebten WM-Triumph in der Corona-Notsaison nicht aufhalten werden. Auf die Frage, wie der 35-Jährige überhaupt noch davon abzuhalten sei, antworte Vettel: "Wenn Valtteri Weltmeister wird." Gemeint war Hamiltons Teamkollege Bottas, doch auch den hat der 86-malige Grand-Prix-Gewinner und 90-malige Polesetter nach dessen Auftaktsieg schon wieder im Griff.

"Das Auto und der Motor sind ein bisschen ein Biest, genau was wir brauchten. Es ist ein Auto, das Fahrer mögen." Worte des Mercedes-Teamchefs Toto Wolff über den immer noch schwarz lackierten Silberpfeil, von dessen Qualität der Ferrari meilenweit entfernt ist. Binotto bekräftigte seine deutliche Kritik und forderte eine Generalüberholung des Wagens und des Rennstalls. "Das gesamte Autoprojekt muss überarbeitet werden", sagte der 50-Jährige am Montag auf der Homepage der Scuderia – und ergänzte: "Ich bin mir sehr wohl darüber im Klaren, dass es keinen Zauberstab in der Formel 1 gibt, aber wir müssen einen Gang hochschalten um die Kurve zu kriegen, sowohl kurz- als auch langfristig." "Rollen Köpfe?", fragte La Gazzetta dello Sport und gab sich selbst die spekulative Antwort: "Ja, wenn es bedeutet, dass die verschiedenen Abteilungen besser funktionieren."

Als Teamchef ist Binotto selbst maßgeblich verantwortlich für das, was der Rennstall bisher zeigte – von enttäuschenden Ergebnissen bis zu teaminternen Karambolagen und dem frühen Ausfall beider Wagen beim zweiten Rennen in Spielberg.

Seit Januar 2019 ist er Ferrari-Teamchef. Der 50-jährige Maschinenbau-Ingenieur aus Lausanne löste damals den ehemaligen Zigaretten-Manager Maurizio Arrivabene ab und sollte die Scuderia zum ersten Fahrertitel seit 2007 (Kimi Räikkönen) führen. 2020 belegen Leclerc und Vettel aktuell die WM-Ränge 7 und 10. Im Team-Klassement ist Ferrari Fünfter – graues Mittelmaß: ein Teamchef mit dem Rücken zur Wand.