Die zweite Ebene

Frank Hellmann

Von Frank Hellmann

Do, 14. November 2019

Nationalelf

Kapitän Manuel Neuer schärft in Verein und Nationalmannschaft sein Profil, in dem er seine Botschaften wohltemperiert verpackt .

DÜSSELDORF. Ist es möglich, dass dieser Torwart ein Training kaum erwarten kann? Joachim Löw hatte am Vormittag unter dem geschlossenen Dach der Düsseldorfer Arena seine Nationalspieler noch gar nicht im Kreis versammelt, da ging Manuel Neuer noch mal in den Liegestütz. Und schob vor der Ansprache des Bundestrainers schnell einige Kräftigungsübungen ein. Als kurz darauf Bundestorwarttrainer Andreas Köpke noch mit Bernd Leno und Marc-Andre ter Stegen plauschte, lief sich der Kapitän längst warm. Jede Sekunde schien ihm kostbar.

Die Nummer eins wirkte so fokussiert, als müsse er sich im bevorstehenden EM-Qualifikationsspiel gegen Weißrussland (Samstag 20.45 Uhr/ RTL) für Schwerstarbeit präparieren – eher das Gegenteil wird wohl in seinem 91. Länderspiel passieren. Dabei wisse er noch gar nicht, sagte Neuer, ob er wirklich auflaufe, "ich bereite mich so vor, dass ich immer spiele." Im Borussia-Park ganz gewiss, nächsten Dienstag in der Frankfurter Arena gegen Nordirland könnte Kronprinz ter Stegen eine Bewährungschance erhalten, sofern die Qualifikation eingetütet wäre. Im Ernstfall würde Neuer den Posten beziehen, denn auch für die paneuropäische Endrunde 2020 ist die Torwartfrage grundsätzlich geklärt: Der 33-Jährige soll sein fünftes Turnier bestreiten.

Der gebürtige Gelsenkirchener ist auch bei der Neuausrichtung gesetzt: als einer der letzten drei verbliebenen Weltmeister zusammen mit Toni Kroos und Matthias Ginter. "Ich bewerte das Jahre positiv", erklärte Neuer. "Es haben einige Veränderungen stattgefunden, aber wir sind noch nicht bei 100 Prozent." Seinen Führungsanspruch untermauert der Keeper eher hintergründig, indem er seine Botschaften geschickt in eine zweite Ebene verpackt. So wie er nach dem WM-Desaster in Russland eine lapidare Bemerkung platzierte, um die Einzelteile zerfallene Nationalmannschaft zu beschreiben ("Selbst, wenn wir weitergekommen wären, hätte jeder gern gegen uns gespielt"), genügte beim FC Bayern nach der jüngsten 1:5-Abreibung bei Eintracht Frankfurt ein einziger Satz, um das kollektive Versagen zu skizzieren: "Das ist jetzt für mich kein Wunder, was hier passiert ist." Wenn Grundsätzliches aus dem Ruder läuft, bezieht Neuer öffentlich Stellung.

Manchmal kommt eine Führungskraft schon mit ein bisschen mehr Kante aus, zumal der sozial und gesellschaftlich über seine eigene Stiftung vorbildlich engagierte Profi ansonsten sehr auf Ausgleich bedacht ist. Und so zeigte er gestern auch Verständnis für die Zurückhaltung des Publikums: "Die Anstoßzeiten sind wieder sehr spät, im November ist das Wetter in Deutschland nicht optimal, und bei allem Respekt: Wir spielen nicht gegen Mannschaften, wo man erwarten kann, dass jeder ins Stadion kommt."

Sein Konterfei hat dabei fürs Publikum den höchsten Wiedererkennungswert. Sein Profil schärft Neuer gänzlich anders als einst Oliver Kahn, der designierte Vorstandsvorsitzende des FC Bayern: besonnen, nicht aufbrausend. Über Hansi Flick als vorläufigen Trainer-Nachfolger des in der Kabine nicht mehr wohlgelittenen Niko Kovac sagte Neuer nun: "Er hat in sechs Tagen alles investiert und zweimal waren wir sehr erfolgreich." Die Schlussfolgerung, dass sich die Vereinsmannschaft und das Nationalteam unter dem Löw-Intimus Flick wieder mehr ähneln würden, bestätigte der Zeuge insofern, "weil wir bei Bayern wieder mit mehr deutschen Fußballern spielen."

Neuer huschte nach der Inthronisierung des ehemaligen Assistenztrainers der Nationalmannschaft mehr als ein Lächeln über die Lippen: Mit dem Flick-Ansatz könnten Zu-Null-Erlebnisse wieder zur Regel werden. Obwohl der Modellathlet teilweise weltmeisterlich hielt, nagten wettbewerbsübergreifend 22 Gegentreffer an seinem Selbstverständnis. In solchen Zeiten, erklärte der Torhüter, sei er automatisch öffentlich mehr gefragt.