Mitten im Jahr der "Spatzen"

Toni Nachbar

Von Toni Nachbar

So, 14. Juli 2019

Handball 2. Bundesliga

Der Sonntag Die Handballerinnen der HSG Freiburg schuften für das Überleben in der 2. Liga.

Sie haben den kleinsten Etat, aber leisten seit Wochen den größten Aufwand. Trainer Ralf Wiggenhauser hat den Handballerinnen der HSG Freiburg ein gewaltiges Vorbereitungspensum aufgebürdet. Für die Neulinge in der 2. Bundesliga ist der Kraftakt die Basis für ein ehrgeiziges Ziel: den Klassenerhalt.

Es ist warm in der Gerhard-Graf-Sporthalle, abends im Sommer. Die Anzeigetafel zeigt ein paar Minuten nach 19 Uhr, während ein Mädchen-Team und eine Jungen-Mannschaft immer noch ein Trainingsspiel bestreiten. Die Mädchen wirken ein wenig älter und größer, in ihrer sportlichen Entwicklung sind sie ihren Gegnern jedoch deutlich voraus. Fast jeder ihrer Angriffe ist von einem Torerfolg gekrönt – trotz der verzweifelten Gegenwehr der Jungs, bei denen ein Blondschopf mit auffälliger Hingabe versucht, die Höhe der Niederlage in Grenzen zu halten . . .

Dies alles wäre nicht erwähnenswert, würde nicht auffallen, wie "gefangen" diese Kinder Handball spielen. Kein Wort fällt auf dem Spielfeld, die Trainer rufen ihre häufigen Anweisungen mit gedämpfter Stimme durch die Halle. Wer eine halbe Stunde später erlebt, wie Trainer Ralf Wiggenhauser seine Spielerinnen scheucht und fordert und wie die Zweitliga-Aufsteigerinnen den anspruchsvollen Übungen nachkommen, könnte meinen, er habe binnen kürzester Zeit einen Einblick in die HSG-Trainingskultur erhalten.

Erst recht, wenn man vernimmt, dass dies schon seit vielen Tagen so ist – sechs Mal wöchentlich. Am 1. Mai absolvierten die HSG-Handballerinnen ihr letztes Meisterschaftsspiel in der 3. Liga, nach einer kurzen Pause stürzten sich Nadine Czok und Co. in eine lange und intensive Vorbereitungsphase, denn die Zweitliga-Saison beginnt erst am 7. September. An den Wochenenden setzt Ralf Wiggenhauser für seine immer noch lupenreinen Amateur-Spielerinnen sogar vierstündige Übungseinheiten an: "Da widmen wir uns Themen – dem Spiel in Über- und Unterzahl, der Verteidigung, dem Angriffsspiel."

Der Schwur am Weihnachtsfest

Angeblich murren die Spielerinnen nicht ob des enormen Pensums. Mehr noch: Ihr Trainer muss ihnen auch nicht immer wieder erklären, wozu diese Schufterei gut ist. Denn an Weihnachten 2018 haben sich Geli Makelko, Rebecca Dürr, Carolin Spinner und ihre Teamkolleginnen zusammengesetzt und sich die Frage gestellt, ob sie das Abenteuer "eingleisige 2. Bundesliga" mit 16 Teams und 30 Meisterschaftsspielen quer durch die gesamte Republik wagen. Unisono lautete damals die Antwort: "All-in." Und nun folgen sie den Anweisungen ihres Trainers, der ahnt, was auf seine Spielerinnen zukommt: "Wir brauchen wahrscheinlich 20 Punkte zum Klassenerhalt. Das sind zehn Siege." Das mag sich erreichbar anhören, ist aber enorm viel für eine Mannschaft ohne jegliche Liga-Erfahrung und ohne zumindest ein, zwei gestandene teure Spielerinnen, wie sie bei nahezu allen Klassenkonkurrentinnen im Kader stehen. Schlimmer noch, in der starken Torhüterin Zoe Ludwig sowie der jungen hochbegabten Selina Margull hat die HSG im Vergleich zur Vorsaison zwei Leistungsträgerinnen verloren. Neu im Kader ist lediglich die aus der 2. Mannschaft hochgenommene Rückraumspielerin Maja Zeides, der allerdings ihr Trainer sehr viel zutraut.

Seit Wochen guckt sich Ralf Wiggenhauser Videos der anderen Zweitligisten an und überlegt sich, wie seine Spielerinnen sich taktisch verhalten müssten, um die zumeist favorisierten Gegnerinnen auf Freiburger Niveau herunterzuholen. Mit oft atemberaubendem Tempospiel sind die HSG-Handballerinnen zur Meisterschaft in der 3. Liga gestürmt. In der 2. Bundesliga, so ihr Coach, werden sie oft versuchen müssen, das Tempo zu drosseln. Das klingt irgendwie nach verbissener Abwehrarbeit, nach lang vorgetragenen Angriffen, nach Handball aus der guten alten Zeit. Ob dies 2019 gegen Teams aus Leipzig, Berlin oder Bremen machbar ist?

"An Weihnachten werden wir mehr wissen. Ob wir noch eine Chance haben und wie die Spielerinnen den Stress der Liga verkraften", sagt der HSG-Trainer. Der gebürtige Singener Wiggenhauser, Jahrgang 1981, der es einst als Handballer beim TV Ehingen zum Oberliga-Spieler brachte, ist der Vater des Erfolges bei der HSG. Seit 2005 hat der Realschul-Lehrer mit der Fächerkombination Englisch, Religion, Geschichte, Gemeinschaftskunde und Sport im Freiburger Frauenhandball noch nie Dagewesenes geleistet. Die "Red Sparrows" sind ihm von der Landes- in die 2. Liga gefolgt.

Red . . . – was? Seitdem der Aufstieg feststeht, haben sich die Handballerinnen den Zusatznamen "Red Sparrows" verpasst – eine Idee des Hauptsponsors. "Rote Spatzen" – natürlich auf Englisch – soll dennoch mehr sein als ein Werbe-Gag und zum Markenzeichen werden. "Der Spatz", sagt Ralf Wiggenhauser, "steht für etwas Freches und Kleines, das man unterschätzen könnte." Und Rot – für ein politisches Signal? "Nein", lächelt Wiggenhauser, "rot ist nur die Farbe unserer Trikots."