"Die Strecke ist schwierig und supercool"

Jürgen Ruoff

Von Jürgen Ruoff

Mo, 30. September 2019

Mountainbike

Ronja Eibl zeigt beim Mountainbike-Bundesligafinale in Titisee-Neustadt ihre Klasse / Im Männerrennen räumen die Schweizer die Ränge eins bis drei ab.

TITISEE-NEUSTADT. Bis wenige Augenblicke vor dem Männerrennen ist Simon Stiebjahn Organisator. Der Mann fehlt, der den Startschuss abfeuern soll, also leitet der 29-Jährige aus Langenordnach, ausstaffiert mit allem, was es für ein Mountainbikerennen braucht – Trikot, Radhose, Schuhe, Radhandschuhe, Helm, Brille und Rad –, noch schnell die Suche ein. Der Mann wird gefunden und er schickt die mehr als 70 Elitefahrer mit einem lauten Knall auf die Strecke. "Von da an war ich Rennfahrer", sagt Stiebjahn und grinst. Er macht das auf "seinem Kurs" an der Hochfirstschanze eine Woche nach der kräftezehrenden Marathon-Weltmeisterschaft in Gränichen sehr ordentlich: Stiebahn wird das Bundesligafinale um den Singer-Wäldercup als Vierter beenden. "Vielleicht war es gut, dass ich die ganze Woche viel Arbeit mit dem Wettkampf hatte und wenig trainieren konnte, ich habe mich von der Marathon-WM gut erholt gefühlt". In der zweiten Runde stürzt Stiebjahn, er habe auch Probleme mit dem Radschuh gehabt, "aber wahrscheinlich wäre ich auch Vierter geworden, wenn alles optimal gelaufen wäre. Die drei da vorne waren zu stark".

Die Schweizer dominieren international die Mountainbikeszene bei den Männern. Nino Schurter, der Beste von ihnen, ist Olympiasieger und achtfacher Weltmeister. Und sie dominieren das Bundesligarennen in Titisee-Neustadt. "Wir haben ein sehr hohes Niveau in der Schweiz", sagt Reto Indergand, "ich bin manchmal bei den Weltcups weiter vorne platziert als bei der Schweizer Meisterschaft". Zusammen mit seinen Landsleuten Lukas Flückiger und Matthias Stirnemann dominiert er das Cross-Country-Rennen an der Hochfirstschanze. Anfangs sieht es so aus, als könnte Flückiger, der es gern nass und rutschig mag, davonfahren, Indergand kann er jedoch nicht abschütteln. "In der vorletzten Runde habe ich einen Fehler gemacht, anschließend konnte ich das Loch nicht mehr schließen", erzählt Flückiger, der Achte der Marathon-WM, "ich habe mich schon noch etwas müde von der viereinhalbstündigen Belastung eine Woche zuvor gefühlt". Indergand erkennt seine Chance, als er Flückiger nicht mehr in seinem Nacken spürt, "da habe ich Tempo gemacht und wollte das Ding heimfahren". Es ist ihm gelungen. Im Ziel bekommt der Sieger ein Küsschen von seiner Frau und sagt: "Das hier ist eine Superstrecke, technisch schwierig und supercool. Es hat sehr viel Spaß gemacht." Indergand sichert sich auch den Gesamtsieg in der Bundesligawertung, "ein Supererfolg für mich". Der bis vor dem Finale in der Wertung führende deutsche Vizemeister Ben Zwiehoff (MSV Essen-Stehle) gibt den Wettkampf schon nach wenigen Pedalumdrehungen auf. Am Tag zuvor hatte er einen Migräne-Anfall und seit Freitagmittag nichts mehr gegessen, das sind keine guten Voraussetzungen für eine Grenzbelastung.

Stirnemann: "Der Kurs war rutschig, aber kontrollierbar"

Flückiger wird Zweiter, auch er lobt die Strecke in den höchsten Tönen: "Das ist ein richtig guter Kurs. Es war aufgrund des Regens zwar rutschig, aber kontrollierbar. Ich finde das cool, dass hier zwei Mountainbiker die Veranstaltung organisieren, das spürt man. Sie wissen, worauf es ankommt. Ich freue mich, dass ich hier am Start sein durfte." Matthias Stirnemann wird Dritter und sichert sich Rang zwei in der Bundesliga-Gesamtwertung. Nein, ein schlechtes Gewissen haben die Schweizer ob ihrer Dominanz nicht. Denn sie ist hart erarbeitet.

Julian Schelb aus dem Münstertal deutet mit Rang fünf wieder einmal an, welch enormes Potenzial in ihm steckt. Der 26-Jährige war 2013 Vizeweltmeister in der U-23-Klasse und versuchte sich drei Jahre als Profi. Aufgrund einer Pollenallergie, die ihm im Frühjahr stets zu schaffen macht, gelang ihm der Durchbruch bei der Elite nicht. Zu Beginn des Rennens hält Schelb mit den Besten mit. "Ich habe mich gut gefühlt. Ich der dritten Runde war ich nicht konzentriert, bin zweimal gestürzt und dann ist mir auch die Kette runtergesprungen", erzählt Schelb, der sich im Sprint um Rang fünf gegen den Schweizer Andrin Beelin durchsetzt. In den vergangenen Jahren hat Schelb eine Ausbildung zum Zimmermann gemacht und nun abgeschlossen, "mit der Regeneration nach den Rennen war das oft durch die Arbeitsbelastung schwierig". Er tritt nun eine 60-Prozentstelle an, die ihm sportlich wieder mehr Freiheiten lässt. "Die Strecke ist super gut und kann auch im internationalen Vergleich mithalten. Es gibt hier viele natürliche Schwierigkeiten wie Wurzeln, ja, Stiebi und Markus Bauer machen das richtig gut", findet Schelb.

In der Tageswertung in Titisee-Neustadt liegen drei Schweizer vorne, ebenso in der Bundesliga-Gesamtwertung. "In der Schweiz hat der Mountainbikesport eine andere Bedeutung als bei uns. Nino Schurter hat eine von zwei Goldmedaillen für die Schweiz bei den Olympischen Spielen 2016 gewonnen. Auch strukturmäßig sind sie besser aufgestellt", sagt Stiebjahn zu der erdrückenden Dominanz unserer Nachbarn. Im Alter von sieben bis zehn Jahren misst sich der MTB-Nachwuchs in der Schweiz auf einem Technikparcours. Kinder lernen Bewegungen in diesem Alter besonders gut. Erst von der Klasse U 13 an messen sie sich dort auf Rennstrecken. "Bei uns in der Schweiz gibt es extrem viele Bikeclubs. Die Mädchen und Jungen wollen heute alle Bike fahren, weil das mehr Spaß macht als Rennradfahren. Auch bei den Nachwuchsserien in der Schweiz haben wir ein sehr hohes Niveau", sagt Reto Indergand, der Sieger von Titisee-Neustadt.

Ronja Eibl muss sich entscheiden: U 23 oder Elite?

Ihre dünnen, sehnigen Beine zucken so hochfrequent nach unten wie die Nadel einer Nähmaschine. Ronja Eibl gilt als das größte Talent, dass der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) im Frauenbereich hat. Es gibt nicht wenige, die ihr ähnliche Erfolge zutrauen wie Olympiasiegerin Sabine Spitz (Murg-Niederhof), die dieser Tage zurückgetreten ist. Spüren Sie den hohen Erwartungsdruck? "Nein", sagt die zierliche junge Frau, die in dieser Saison den U-23-Weltcup gewonnen hat. Bis zum Jahresende muss sie sich entscheiden, ob sie im kommenden Jahr weiter in der U-23-Klasse oder bei der Elite starten möchte. Das ist deshalb von Bedeutung, weil sie sich nur in Eliterennen für die Olympischen Spiele in Tokio 2020 qualifizieren kann. "Wir denken gerade darüber nach, was wir machen", sagt Eibl. Möglicherweise spielt das olympische MTB-Testrennen am 6. Oktober bei der Entscheidungsfindung eine Rolle, denn sie weiß dann, ob ihr der Kurs liegt. "Ich freue mich auf den Ausflug nach Japan", sagt Eibl, die gerade das Abitur mit Durchschnitt 1,3 abgelegt hat.

Dass sie bereits mit den weltbesten Frauen mithalten kann, demonstriert Eibl in Titisee-Neustadt. Die Weltranglistenerste Anne Terpstra kann nur in der Anfangsphase an ihr dranbleiben, je länger das Rennen dauert, desto weiter zieht die 20-Jährige aus Grosselfingen weg und gewinnt mit anderthalb Minuten Vorsprung vor der Niederländerin. "Es ist cool, dass ich hier gewonnen habe, aber ich bewerte das nicht ultrahoch", sagt Eibl, die sich zum zweiten Mal den Bundesliga-Gesamtsieg sichert. Elisabeth Brandau, die deutsche Meisterin und EM-Dritte, wird Sechste.

Als sich die Junioren auf ihr Rennen vorbereiten, lehnt Simon Stiebjahn etwas müde vom Rennen an einem Absperrgitter. Jetzt ist er wieder ganz Organisator. "Einen Tag vor dem Rennen hat es noch so geschüttet, aber heute hat das Wetter gepasst. Das freut uns."