REINLESEN

David Weigend

Von David Weigend

Sa, 23. November 2019

SC Freiburg

Diese Worte kommen nicht zu spät

Die Beziehung zu einem Fußballverein zeichnet ja aus, dass sie auch in Situationen präsent ist, die nichts mit dem Herzensclub zu tun haben: Im Urlaub am Strand oder bei einem Feuerwehrhock, wenn die Blaskapelle spielt. Irgendwie gibt es da trotzdem immer etwas, das eine Assoziation hervorruft. Bei Carmelo "Chico" Policicchio sind dies Assoziationen zum Sportclub. Der Betreiber der Kneipe "Swamp" im Freiburger Osten ist ein Meister der kleinen Form. Seine Kurztexte sind persönliche Anekdoten, die den SC Freiburg oft nur streifen. Doch gerade diese Beiläufigkeit macht "Worte kommen meist zu spät" so charmant – und zeitlos. Die Geschichten, größtenteils im Stadionheft des SC Freiburg erschienen, prägt ein sentimentaler, fast schon romantischer Sound. "Brauchte es all die Fahrten nach Unterhaching, Saarbrücken oder Estoril, nur um schlechte Spiele anzuschauen? Sicher, gerade weil Fußball mehr ist als nur das Spiel und die 90 Minuten! Weil man vor Estoril noch in Lissabon war, mit den Kumpels großartige Tage verlebt hatte. Weil man vor der 0:1-Pokalschlappe in Saarbrücken noch in einer tollen Arbeiterkneipe war. Weil man in Unterhaching den Dorfverein authentisch fand." Authentisch sind auch die vorliegenden Geschichten. So beschreibt Policicchio den Tag des SC-Abstiegs 2015 in naturalistischer Selbstreflexion, vom Friseurbesuch am Mittag bis zum Gefühl der "tiefen Ratlosigkeit", die ihn beim Zubettgehen beschleicht. Man kann sich den Autor gut vorstellen, wie er da sitzt, am heimischen Küchentisch, und all das aufschreibt. "Manchmal ist es einfach ein Song im Radio, der eine Erinnerung in mir auslöst", sagt Policicchio. Früher habe er seine Texte fürs SC-Magazin oft auf den letzten Drücker geschrieben. Doch zu spät kamen sie nie.

Carmelo Policicchio: Worte kommen meist zu spät – 2. Halbzeit. Strzelecki Books, Köln 2019, 160 Seiten, 14,80 Euro.