Therapie für Kinder, Freiraum für Eltern

Gabriele Hennicke

Von Gabriele Hennicke

Sa, 18. Mai 2019

Staufen

Eltern-Kind-Fachklinik Münstertal in Staufen wird 50 Jahre alt und ist so gefragt wie nie.

STAUFEN. Ihr 50-jähriges Bestehen feiert die Eltern-Kind-Fachklinik Münstertal in Staufen am Samstag mit geladenen Gästen. Sie ist die einzige Eltern-Kind-Fachklinik in Baden-Württemberg, die Familien mit gesunden und mit schwerst-mehrfach behinderten Kindern und Jugendlichen aufnimmt. Nach der Erweiterung in den Jahren 2016 und 2017 hat sich die Anzahl der behandelten großen und kleinen Patienten fast verdoppelt.

Etwa die Hälfte der Gäste in der Fachklinik am östlichen Rand von Staufen sind Familien mit einem oder mehreren Kindern mit Behinderung. Die Nachfrage nach Plätzen für eine Vorsorge und Reha ist enorm. 2018 haben 556 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit Behinderung eine dreiwöchige Vorsorge- und Rehakur in Staufen gemacht, 2017 waren es noch 381. Fast ein Drittel der Kinder mit Behinderung hatte einen Grad der Behinderung von 100. "Jede Woche erhalten wir etwa 20 Anfragen, die Warteliste geht schon bis zum Jahresende", sagt Klinikleiterin Ruth Bumen, "wir haben immer mehr Gäste. Im ersten Quartal 2019 hatten wir über 15 000 Übernachtungen, das ist eine Steigerung um fast 3500 Übernachtungen gegenüber dem ersten Quartal im vergangenen Jahr." Die Steigerung erklärt die Klinikleiterin damit, dass immer öfter die komplette Familie mit beiden Eltern und allen Kindern an der Kur teilnimmt. Jede Woche reisen 22 neue Familien an, davon etwa zehn mit Kindern mit Behinderungen.

Familie Isaak aus Burscheid bei Köln ist seit einer Woche in der Fachklinik. Mit dabei die beiden Kinder Finn, 7, und die vierjährige Fiona. Fiona kann nicht sprechen und auch nicht selbständig laufen, dank Orthesen und einer Art Rollator kann sie sich fortbewegen. Der Alltag der Familie ist durchgetaktet und anspruchsvoll. Vater Alexander arbeitet Vollzeit, Mutter Natalia an drei von vier Wochenenden. Fiona besucht einen integrativen Kindergarten, Finn die erste Klasse. Täglich hat Fiona mindestens einen Therapietermin in einer benachbarten Stadt, zu dem die Mutter sie bringen muss. "Für eine Stunde Therapie sind wir drei Stunden unterwegs", sagt sie. Der Aufenthalt in der Eltern-Kind-Fachklinik ist der erste für die Familie, er wurde von ihrer Krankenkasse angeregt. "Das kommt so gut wie nie vor, meist müssen die Familien um eine Genehmigung kämpfen", sagt Andrea Gutmann, die den Sonderpädagogischen Bereich der Klinik leitet und viele Familien bei der Durchsetzung ihrer Anliegen unterstützt.

Während Finn und Fiona tagsüber von 8.15 Uhr bis 16.30 Uhr betreut sind, haben die Eltern Anwendungen wie Massage, Fango, Walken, Aquagymnastik und Bäder. Dazu gibt es Gesprächskreise zum Austausch mit anderen Eltern, Einzelgespräche und Arzttermine. "Die Klinik hat ein breit gestaltetes Sportprogramm. Das ist sehr schön und dennoch hat man zwischendurch auch Zeit für sich, das kennen wir im Alltag überhaupt nicht", sagt Alexander Isaak. Beide Kinder hätten sich sofort in den Kinderbetreuungsgruppen wohlgefühlt, was den Eltern Freiraum gebe. "Unser Ziel ist, dass die Eltern sich einmal entspannen können, deshalb nehmen wir ihnen die Kinder tagsüber komplett ab", sagt Psychologin Andrea Gutmann. Die Kinder mit Behinderungen werden in Gruppen von acht bis zehn Personen betreut. Zumeist ist eine 1:1-Betreuung gegeben.

Insgesamt arbeiten etwa 140 Menschen in der Eltern-Kind-Fachklinik, darunter 14 junge Menschen im Freiwilligen Sozialen Jahr, Praktikanten und Auszubildende in sozialen Berufen, außerdem Auszubildende zum Koch, in der Verwaltung und in der Hauswirtschaft. "Weil wir soviel mehr Übernachtungen haben, brauchen wir ständig zusätzliches Personal. Manchmal habe ich den Eindruck, ich bin nur noch dabei Bewerbungsgespräche zu führen", seufzt Ruth Bumen und lobt die sehr engagierten Mitarbeiter.

Auch die derzeitigen Gäste werden etwas von den bevorstehenden Festivitäten haben. Damit sie sich durch die Anwesenheit der vielen Festgäste nicht gestört fühlen, lädt die Klinik alle Eltern und ihre Kinder am 18. Mai zu einem Ausflug nach Colmar im benachbarten Elsass ein. Und am nächsten Tag gibt es dann noch für alle Gäste eine Extravorstellung des Duos Gogol und Mäx, das auch am Samstag spielt.

Die Fachklinik in Staufen wurde 1969 als zweite Fachklinik des Trägervereins Deutscher Arbeitskreis für Familienhilfe eröffnet. Heute gehören zum Klinikverbund des Trägers mit Sitz in Kirchzarten vier Fachkliniken im Schwarzwald und je eine an Nord- und Ostsee. Die Eltern-Kind-Fachklinik hat heute über 66 Zwei-Zimmer-Appartements.

Mehr Informationen gibt es unter http://www.ak-familienhilfe.de.