Stilfrage: Die Letzte wird die Erste sein

Elisabeth Bonneau

Von Elisabeth Bonneau

Sa, 01. Juni 2019

Stilfrage

Mein Mann bekocht und bedient unsere Gäste gern und hervorragend, dabei serviert er mir das Essen und den Wein immer zuletzt. Mich kränkt das. Zu Recht? Er besteht auf seinem Vorgehen.

Ich gehe einmal davon aus, dass Sie für Ihren Mann – wie es sich gehört – immer und überall im Leben die Nummer Eins sind. Und ich vermute, dass es Sie deshalb besonders schmerzt, dass er ausgerechnet in geselliger Runde an Ihrem eigenen Tisch eine Ausnahme vom Verwöhnprogramm macht. Welche Gründe führt er eigentlich dafür an, dass er sich wiederholt so schnöde über Ihren erklärten Wunsch hinwegsetzt und Ihre Kränkung ignoriert?

Ich wüsste da ein paar für ihn. Ihr Mann hält sich nämlich mustergültig an das Protokoll, das besagt: Gästen ist der Vorzug zu geben. In der Begrüßungsansprache. Und auch bei Tisch.

Ganz korrekt bekommen bei formellen Essen die Damen ihre Speisen und Getränke zuerst und dies in der hierarchischen Folge: weiblicher Ehrengast Nr. 1, weiblicher Ehrengast Nr. 2, die anderen Damen, schließlich die Gastgeberin. Bei diesem Procedere wären Sie nicht zuletzt an der Reihe, sondern vor den männlichen Gästen, die ebenfalls nach Rang sortiert werden. Dieser Service funktioniert ohne Zeitverzögerung nur, wenn mehrere Servicekräfte agieren, von Hauspersonal sprechen Sie aber nicht. Ihr Mann beginnt möglicherweise mit einem Ehrengast und geht dann der Reihe nach bis zu Ihnen vor. Das ist korrekt. Und praktisch.

Vor allem für Sie. Weil Sie wissen, wann Sie den Start zum Essen geben können. Und weil bei Ihnen als Letzter die Speisen noch heiß und die Getränke kühl sind. Noch praktischer fände ich, wenn Sie Ihrem Mann beim Service zur Hand gingen und die Gäste zu zweit mit kühlem Wein und warmem Essen verwöhnten. Dafür würden Sie Lorbeeren ernten. Ihr Mann jedoch müsste bei dieser Lösung sein Alleinstellungsmerkmal als Allround-Gastgeber aufgeben.
Die Autorin ist Kommunikationstrainerin
und lebt in Freiburg.