Streitbarer Ökopionier und einsamer Demokrat

Ilona Hüge

Von Ilona Hüge

Fr, 14. Juni 2019

Weisweil

BZ-PORTRÄT: Siegfried Göpper feierte seinen 90. Geburtstag.

WEISWEIL. Siegfried Göpper hat an Pfingsten seinen 90. Geburtstag gefeiert. Der Mühlenbesitzer wurde weit über die Region hinaus bekannt: Er engagierte sich in der Kommunalpolitik, im Kampf gegen das Kernkraftwerk Wyhl, stand Probleme aller Art durch und wurde als Zeitzeuge ein gefragter Interviewpartner.

Siegfried Göpper ist mitten in einer Festwoche: An Pfingsten wurde der 90. Geburtstag mit Familie und Freunden gefeiert, am Freitag, 14. Juni, ist das große Hoffest. Zeit zum Gespräch hat er dennoch, und sogar schon eine einstündige Laufrunde hinter sich. Seit 20 Jahren ist er jeden Tag und bei jedem Wetter mit Nordic-Walking-Stöcken und Hund in der Natur. Wie er das schafft? "Es sind keine 90 Jahre – nur drei mal 30", sagt er schmunzelnd.

Gelernt hat Göpper, der in der unteren Mühle in Weisweil zu Welt kam, mit doppeltem Abschluss. Er wurde Müller und machte die Meisterprüfung, lernte das Handwerk in der Landwirtschaft und machte erneut seinen Meister. Er wurde zum Vorreiter in Sachen Saatmais. Für die Genehmigung reiste er nach Stuttgart und hatte Erfolg. Seine zukunftsweisende Idee und ein Geschäftszweig, der die Region bis heute prägt, kamen aber nicht nur gut an: Nachdem auf vier Hektar Hybridmais wuchs, "hab’ ich nicht mehr zu den Nachbarn dürfen".

"Das kann man nicht planen, das ist Schicksal"

Siegfried Göpper
Weit über Weisweil hinaus bekannt geworden ist Siegfried Göpper durch seinen Einsatz gegen das Kernkraftwerk Wyhl. Streitbar und hartnäckig, dabei den christlich-konservativen Werten und seiner Heimat verbunden, war für ihn seine Aufgabe klar. "Ich musste schauen, dass die Geschichte richtig lief", lautete sein Motto. Für sein Engagement im Widerstand nahm Göpper einiges in Kauf: Dass der damalige Landrat zweimal versuchte, seine Wiederwahl als Vorsitzender der Jagdgenossenschaft zu verhindern, klingt heute wie eine Anekdote.

Ernster wog anderes: Das Badenwerk zerstörte die Trafostation auf dem Grundstück der Mühle. Der Betrieb ging weiter: Göpper installierte einen Dieselgenerator und noch zwei weitere dazu, damit es für den Betrieb reichte. Das war noch nicht genug: Badenwerk und Firmen, die den Atommeiler in die Höhe ziehen wollten, verklagten ihn auf eine Summe von 55 Millionen D-Mark. Göpper erwog damals, nach Kanada auszuwandern. Die Einwanderungserlaubnis hatte er schon in der Tasche, aber er blieb: "Es hat sich erwiesen, dass das, was wir wollten, richtig war".

"Ich hab halt meine eigene Meinung gehabt und mich nicht in eine Ecke drängen lassen, ohne mich zu wehren", sagt er heute. 20 Jahre war er im Weisweiler Gemeinderat. Die Bürger wählten ihn wegen seines Einsatzes im Widerstand. Er erinnert sich an eine "einsame Zeit": Viele Sitzungen endeten mit dem gleichen Ergebnis, bei geschlossenen Ja-Stimmen zu seinem Nein. Er kandidierte auch als Bürgermeister. Sein Beweggrund: Demokratisch sei es nicht, nur einen Kandidaten zu haben. Das sahen auch Wähler so und verhalfen ihm zum Achtungserfolg.

"Ich hab’s durchgestanden, sonst wär’ ich nicht 90 geworden", sagt Göpper. Geholfen habe ihm stets die "Rückenfreiheit von daheim". Seine Familie stand ihm zur Seite, auch wenn seine vier Kinder in der Schule leiden mussten. Das Schicksal eines fünften Kindes, ein Sohn, der als Kleinkind starb, machte ihn zu einem frühen Verfechter von nitratarmem Trinkwasser. "Es bleibt einem nicht viel erspart im Leben", sagt er. Dafür aber gab es auch gute Seiten: "Ich habe eine erste Frau gehabt, die zu mir gepasst hat, und eine zweite Frau, die zu mir passt. Das kann man nicht planen, das ist Schicksal".

Ehrungen, wie sie bei anderen Jubilaren üblich sind, sind nicht seine Sache. "Ich bin in meinem Leben so viel angeeckt", sagt er. Er ist Ehrenmitglied im Reitverein und bei den Schützen in Weisweil. Eine Ehrung des Landes Baden-Württemberg lehnte er 2001 ab.