... Hans Weide und Christopher Kern, die die "Schlacht um Wyhl" auf die Bühne gebracht haben

AUF ZEITREISE MIT...: Der Polizist, der im Dienst verschwand

Stefan Hupka

Von Stefan Hupka

Sa, 09. November 2019

Südwest

"Die Uhr schlug vier. Doch der Weckruf blieb aus. Einsatzbereit stand die Fahrzeugflotte im Hof der Bereitschaftspolizei in Lahr. Mannschaftswagen für sechs Hundertschaften, Teleskopmasten und Lampen für Flutlicht, vier vollgetankte Wasserwerfer. Aber das Wasser blieb im Tank, die Fahrzeuge blieben im Hof und die Beamten im Bett: Der Einsatz war in der Nacht abgeblasen worden." So begann am 10. Dezember 2001 eine BZ-Reportage – über einen Mann, der 1975 die "Schlacht um Wyhl" entschied, dessen Beitrag aber bis dahin fast keiner kannte: Polizeihauptkommissar Hans Weide, heute 81 und im Ruhestand. Stefan Hupka, Autor der Reportage, ist ihm wiederbegegnet – und dem Mann, der Weides Geschichte auf die Bühne gebracht hat, Christopher Kern (43).

Es war Befehlsverweigerung, nichts Geringeres, zudem ein schwerer Verstoß gegen die Pflicht des Beamten zur Amtsverschwiegenheit, im Klartext: Verrat von Dienstgeheimnissen. Polizisten sind schon wegen geringerer Verfehlungen aus dem Beamtenverhältnis entlassen worden, unter Verlust ihrer Pension. Mehr als 40 Jahre ist das jetzt her, heute aber sagt Hans Weide: "Ich bin stolz auf mein Verhalten – und...", hier macht er eine kleine, bedeutungsschwere Pause, "und glücklich über den Ausgang."

Glücklich – das ergibt schon der Augenschein. Dieser Mann, das sieht man, ist mit sich im Reinen. Wir treffen ihn in seinem Haus am Ortsrand von Ottenheim im Ortenaukreis, zum Rheinufer ist es nicht weit. Frau Weide hat Apfelkuchen gebacken. Mit am Kaffeetisch sitzt Christopher Kern, Typ Künstler, Vollbart, zusammengebundenes Langhaar, modischer Schal.

Als Kern geboren wurde, war das, worum es hier geht, das Atomkraftwerk, das 30 Kilometer südlich am Rhein auf der Gemarkung Wyhl geplant war, bereits erledigt. Kern kennt das alles nur vom Hörensagen – die Schwärmereien und "Frontberichte" der Veteranen und alten Schlachtenbummler, die Dramatik des Konflikts mit der Staatsgewalt, die Verbrüderung von Kaiserstühler Winzern und Bäuerinnen mit jungen, zotteligen Linksintellektuellen aus der nahen Unistadt Freiburg – und die Rolle, die sein fast doppelt so alter Tischnachbar dabei gespielt hat.

Diese Geschichte und das Buch, das Hans Weide erst sehr viel später darüber geschrieben hat – "Rote Sonne, dunkle Nacht", so der Titel, der etwas zwischen Krimi, Kitsch und Abenteuer erwarten lässt, was alles nicht ganz falsch ist – haben dem jungen Theatermann aus Lahr derart imponiert, dass er das Ganze auf die Bühne gebracht hat. Kern leitet eine freie Theatergruppe, mit ihr hat er Weides Roman zum Theaterstück umfunktioniert. 2018 hatte es Premiere, am kommenden Samstag gastiert die Truppe erstmals in Freiburg – teils mit Originalrequisiten wie Protestplakaten von damals: "Nai hämmer g’sait".

Aber wie kam es zu dem folgenschweren Dienstvergehen des Lahrer Polizeiführers Hans Weide, wie kam es ans Licht – und warum erst so spät, nämlich 25 Jahre danach? Das kam so: 2001 haben in der Region um Wyhl, dem alten Schlachtfeld, Veteranen wieder einmal einen Gedenkstein eingeweiht. Auf dem wieder einmal – aber dafür konnte keiner etwas – ein Name fehlte: der von Hans Weide. Worüber dieser Weide nicht wenig traurig war. Das gestand er einem alten Vertrauten, dem evangelischen Pfarrer Günter Richter (85), und auch der fand, diese Geschichte, deren einziger Mitwisser er war neben Frau Weide – gehöre nun endlich mal erzählt und an die Öffentlichkeit.

Sie spielt Ende Februar 1975 und geht in aller Kürze so: Der Bauplatz war in den Tagen zuvor von Akw-Gegnern besetzt, dann von der Staatsgewalt geräumt – und handstreichartig wieder besetzt worden. So wollte die CDU-Regierung des Ministerpräsidenten Filbinger ("Ohne Wyhl werden bald die ersten Lichter ausgehen") nicht mit sich umspringen lassen, bereitete in Lahr mit massiven Kräften eine neue Räumung vor – und diese sollte der Polizeiführer Hans Weide leiten, damals 38. Das war kein Zufall: Auch Weide, zuständig für den staatsbürgerlichen Unterricht der jungen Polizisten, gehörte zu den Akw-Gegnern, machte kein Hehl daraus, fuhr mit einem Anti-Akw-Aufkleber herum, hatte schon mitdemonstriert – und sollte auf die Probe gestellt werden.

Weide erschrak, versuchte, einen Freund als Ersatzmann zu benennen, und als auch das nicht akzeptiert wurde, sagte er den entscheidenden Satz: "Das kann ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren." Sprach’s, fuhr heim zu seiner Frau und vertraute sich am frühen Abend Pfarrer Richter an. "Wenn wir das nicht verhindern, fließt am Kaiserstuhl morgen Blut", sagte er. Richter hatte einen engen Draht zum Landesbischof, und der wiederum hatte die Telefonnummer von Filbinger.

Was sich genau in jener Nacht abgespielt hat, wer mit wem sprach und wer den Befehl gab, ließ sich 25 Jahre später nicht mehr rekonstruieren. Filbinger selbst wollte sich an eine Intervention des Bischofs nicht erinnern. Faktum aber ist, dass der Einsatz abgeblasen wurde – was später als wichtige Vorentscheidung für das Aus der Akw-Pläne gewertet wurde.

Und Hans Weide? "Wir müssen Sie hier mal aus der Schusslinie nehmen", bekam er zu hören, als er tags darauf mit weichen Knien wieder zum Dienst erschien. Er wurde einige Monate nach Stuttgart versetzt, ausgerechnet zu einer Einheit, die den Ministerpräsidenten zu bewachen hatte. Den Geheimnisverrat ahnte damals ja noch keiner. Beförderungstechnisch aber stand er fortan "unter strengem Denkmalschutz".

Doch der Vater von vier Söhnen, davon drei Polizisten, hadert nicht. "Man muss dankbar sein", sagt Weide, "dass einem das Leben mal die Chance bietet, etwas mehr tun zu können als das Normale."

"Rote Sonne, dunkle Nacht", Theaterstück, 16. November, 20 Uhr, Vorderhaus, Freiburg, Habsburger Straße 9. Üblicher Vorverkauf.