Unwetter

Bekommen die Southside-Besucher ihr Geld zurück?

Julia Dreier

Von Julia Dreier

Di, 28. Juni 2016 um 10:33 Uhr

Südwest

Nach heftigen Unwettern wurde das Southside-Festival in Neuhausen ob Eck abgebrochen. War der Abbruch gerechtfertigt? Und: Bekommen die Besucher des Southside-Festivals ihr Geld zurück? Die Antworten:

Es hätten drei Tage voller Musik, Party und Spaß werden sollen – und es wurde eine kurze Phase voller Matsch, Starkregen und Gewitter. Vergangenes Wochenende musste das Southside-Festival in Neuhausen Ob Eck aufgrund von Unwettern abgebrochen werden. Wer haftet? Was bekommen die Besucher zurück und hätte es keine andere Lösung gegeben? Wir haben die wichtigsten Fragen geklärt.

Bekommen die Besucher des Southside-Festivals nach dem Abbruch ihr Geld zurück – oder zumindest einen Teil?
Eine Sprecherin des Veranstalters, der FTKP Scorpio Konzertproduktion GmbH in Hamburg, erklärt auf Nachfrage: "Wir bewerten gerade die Lage und können noch nicht pauschal sagen: Es wird etwas zurückgeben. Wir sagen aber auch nicht: Es wird gar nichts zurückgeben. Wir nehmen uns die Zeit, die Angelegenheit in Ruhe zu prüfen und werden uns dann bei unseren Ticketkäufern melden." In ihren AGBs schreibt FKP Scorpio: "Die Rückgabe [von Eintrittskarten, d. Red. ] ist nur bei Absage oder terminlicher Verlegung der Veranstaltung möglich. In diesem Falle wird an der VVK-Stelle, wo die Karten gekauft wurden, gegen Vorlage der Original-Eintrittskarten der Nettokartenpreis ohne Vorverkaufsgebühren und Versandkosten erstattet." Das bezieht sich aber nur auf eine Absage – nicht auf einen Abbruch wegen höherer Gewalt, wie im aktuellen Fall.

Die Verbraucherschutzzentrale Rheinland-Pfalz teilte nach dem Abbruch von "Rock am Ring" mit: "Festivalbesucher können trotz höherer Gewalt verlangen, dass ihnen ein Teil des Eintrittspreises zurückgezahlt wird." Die Höhe der Erstattung richte sich aber auch nach der Zahl der tatsächlich ausgefallenen Musik-Acts. Da das Festival wegen höherer Gewalt abgesagt wurde, können Betroffene laut den Verbraucherschützern nicht verlangen, dass Mehrkosten wie stornierte Zugtickets oder unnötig gewordene Miet-Camper ersetzt werden.


Ist der Veranstalter gegen solch einen Fall des Abbruchs versichert?
"Natürlich sind wir gegen gewisse Sachen versichert", sagt die Sprecherin der Konzertproduktionsfirma, "aber alle Kosten, die uns jetzt an Schaden entstanden sind, werden sicherlich nicht abgedeckt."

Bekommt der Veranstalter von Bands, die nicht gespielt haben, Geld zurück?
"Die Bands waren da, sie hätten gespielt und, ohne jeden einzelnen Deal zu kennen, werden sie von uns in irgendeiner Form honoriert. Es gibt Verträge mit den Bands, die werden sicherlich auch diesen Fall abdecken, da kenne ich aber die Einzelheiten nicht", so die Sprecherin des Veranstalters.



Wer entscheidet, ob abgebrochen wird oder nicht?
So eine Entscheidung treffe keiner allein, stellt die Sprecherin der FKP Scorpio klar. "Wir sind da in enger Abstimmung mit den zuständigen Behörden, mit den Sicherheitskräften und den Gemeinden – immer unter der Prämisse, dass die Gesundheit der Besucher das oberste Gut ist."

Wer hat das letzte Wort beim Abbruch?
Das letzte Wort hat die Genehmigungsbehörde, erklärt Thomas Kalmbach, Sprecher des Polizeipräsidiums Tuttlingen: "Diese kann, sollte der Veranstalter nicht mitziehen, die Reißlinie ziehen, wenn das Gefahrenpotential zu groß ist." Dann wird die Genehmigung zurückgezogen, also die Lizenz entzogen. Im Fall des Southside-Festivals sei die Genehmigungsbehörde das Bürgermeisteramt und die örtliche Polizeibehörde gewesen. Übergeordnet ist dabei natürlich das Landratsamt Tuttlingen verantwortlich, so Kalmbach. Im Falle des Southside-Festivals hätte man sich aber gemeinsam mit dem Veranstalter beraten und dann vernünftigerweise für den Abbruch entschieden.



Schlamm und Regen gehören doch zu Festivals dazu. Wurde überreagiert?
Besucher erzählen von starkem Regen, Blitz, Sturm und Hagel. Allerdings berichtet ein Gast, der anonym bleiben will, auch, die Wetterlage habe sich am Samstag und Sonntag beruhigt. Bereits Samstagmorgen habe er das Festivalgelände auch ohne Gummistiefel problemlos begehen können.
"Tatsache ist: 50 Prozent der Zelte waren zerstört." Bürgermeister Hans-Jürgen Osswald
Neuhausens Bürgermeister Hans-Jürgen Osswald widerspricht: "Viele wissen vielleicht gar nicht, was alles kaputt war. Und wenn dann am nächsten Tag die Sonne scheint, denken sie, es könnte doch weitergehen. Aber Tatsache ist: 50 Prozent der Zelte waren zerstört." Außerdem sei ein Großteil der sanitären Anlagen kaputt gewesen. "Wir können keine Veranstaltung mit 60.000 Leuten laufen lassen, bei der nur die Hälfte der sanitären Anlagen noch instand ist", sagt Osswald.

Das zweite ausschlaggebende Problem sei das "Infield" gewesen, also der Bereich, wo die Konzerte stattfinden. "Statiker und Bühnenbauer hätten die Bühnen untersuchen müssen, was sicherlich einen halben Tag gedauert hätte." Äußerlich seien kleine Schäden sichtbar, die Video-Walls hingegen total kaputt gewesen: "Die hat es regelrecht zerschossen", sagt der Bürgermeister. "Die Video-Walls sind bei Festivals aber wesentlich – auch um zum Beispiel die Besucher vor etwas zu warnen."

Wetterwarnungen: Gefahr für Leib und Leben

Als weiteren Punkt führt Osswald die Warnungen des Deutschen Wetterdiensts vor weiteren Unwettern an. "Es bestand eine Gefahr für Leib und Leben. Ich verstehe, dass manche wirklich traurig waren. Auch meine zwei Töchter waren auf dem Festival und haben mich gefragt, warum es nicht weitergeht." Dass das Southside zugunsten des Hurricane abgesagt wurde, darüber muss Osswald lachen. "Das sind ja zwei Schwester-Festivals mit dem gleichen Veranstalter. Eigentlich ist es also clever gelöst, dass dort die gleichen Bands spielen. Außerdem war ich 17 Stunden vor Ort und kann klar sagen, dass der Abbruch berechtigt war. Dort wurde nichts gemauschelt."

"Im Gegensatz zu den Festivalbesuchern wussten wir von Meteorologen, dass noch ein zweites schweres Unwetter folgt." SHS-Geschäftsführer Barny Sancakli
Auch das zuständige Ulmer Sicherheitsunternehmen SHS Sicherheit & Service GmbH, das mit 400 Angestellten für die Sicherheit auf dem Festivalgelände sowie mit 200 Ordnern auf den Zeltplätzen im Einsatz war, teilt in einer Pressemitteilung mit: Der Abbruch war unvermeidbar. Nachdem der erste starke Regenguss vorüber war, wurde die Evakuierung weitergeführt, denn: "Im Gegensatz zu den Festivalbesuchern wussten wir von Meteorologen, dass noch ein zweites schweres Unwetter folgt", äußert sich SHS-Geschäftsführer Barny Sancakli in einer Pressemitteilung. Meteorologen seien wegen der drohenden Unwetter extra vor Ort gewesen. Später sei dann auch ein Blitz direkt neben der Hauptbühne eingeschlagen. "Die komplette Infrastruktur war auf einen Schlag weg", so Sancakli. "Das Gelände war weder bespielbar noch belegbar. Außerdem waren weitere Gewitter vorhergesagt", bestätigt Polizeisprecher Thomas Kalmbach. Das Gelände sei "in Teilen geschwommen".

Wurde das Festival erst nach den Verletzungen etlicher Besucher abgebrochen – also zu spät?
Den Ausschlag für den Abbruch habe der Zustand des Geländes gegeben, stellt Thomas Kalmbach klar. Zuvor wurde das Festival bereits für mehrere Stunden unterbrochen und die Besucher aufgefordert, in Autos Schutz zu suchen. Das Landratsamt stellte zudem 30 Busse zur Verfügung, die Besucher in Notunterkünfte brachte. Auch der Alarmplan im Kreisklinikum wurde aktiviert, teilt Landratsamtssprecherin Sarah Honold mit. Dort wurden 25 Verletzte untersucht und im Laufe des Wochenendes wieder entlassen.



Waren die Verletzungen der Besucher Folge des Unwetters – oder Verletzungen, wie sie bei großen Festen, zum Beispiel alkoholbedingt, immer wieder vorkommen?
Die Verletzungen waren unwetterbedingt, sagt der Polizeisprecher. "Es flog Zeug in der Gegend rum, manche verletzten sich beim Versuch, ihr Zelt festzuhalten, andere im Gedränge", erklärt Kalmbach. Manche Besucher seien nervlich überfordert gewesen, einer wurde ohnmächtig. Generell habe es eher kleinere, oberflächliche Wunden gegeben. Auch die Security-Firma SHS teilt mit, dass viele Besucher erschöpft und unterkühlt gewesen seien.

Besucher wurden aufgefordert, in ihre Autos zu gehen und sich in Sicherheit zu bringen. Wer haftet, wenn etwas passiert? War das Risiko nicht zu hoch, Besucher Stunden nach Beginn des Festivals nach Hause zu schicken?
Sarah Honold vom Landratsamt meint dazu: "Wir haben extra nochmal in eine Mail des Veranstalters geschaut: Dort steht, dass nur derjenige fahren soll, der fahrtüchtig ist. Außerdem ist ja auch jeder selbst verantwortlich."

Haben Diebe die Evakuierung ausgenutzt?
Ganz klar ja, sagt der Polizeisprecher Thomas Kalmbach. "Einige schräge Vögel haben die Situation ausgenutzt und zurückgelassene Sachen gestohlen." Ob mehr gestohlen wurde als bei sonstigen Festivals, sei schwer zu sagen, da diese in der Regel mehrtägig sind. "Aber leider Gottes sind Diebstähle immer Begleitmusik bei Festivals: Wenn Besucher bei den Konzerten sind und nicht in der Nähe ihrer Zelte, nutzen Diebe das aus."

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