Landwirtschaft

Ernst-Hermann Maier: Der Rinderflüsterer

Marco Lauer

Von Marco Lauer

Sa, 31. Oktober 2009 um 00:01 Uhr

Südwest

Massentierhaltung ist Ernst-Hermann Maier unerträglich, Schlachthöfe sind ihm ein Gräuel. Der Landwirt möchte in Schwaben zufriedene Rinder schlachten.

Schon nachts vor jenen Tagen schläft Maier schlecht. Wacht er frühmorgens auf, möchte er liegen bleiben. Auf dass es an ihm vorbeigehe, das Töten. Vielleicht fände er einen Grund, es noch mal aufzuschieben. Aber er weiß es besser. Hat es selbst so gewollt. Sogar gekämpft dafür. Also muss er nun raus. Es ist sechs Uhr, im Osten, hinter der Burg Hohenzollern, in Stein gehauenem Trotz, auf die hinüber Maier von seinem Hof blickt, geht die Sonne auf und bringt den Tag nach Ostdorf. Besser das Wetter wäre trübe. Seinem Inneren entsprechend.

Maier zieht sich an, dunkle Kleidung heute, "der Pietät wegen", steigt in die Gummistiefel, greift nach dem Gewehr, Kaliber neun Millimeter, schraubt den Schalldämpfer darauf. Denn: "Man soll so wenig hören wie möglich."

"Kein Stress, keine Angst, keine Panik, wir sind der Schlachthof ohne Schrei." Ernst-Hermann Maier
Um halb sieben vibriert einsam ein Traktor durch Ostdorf, Landkreis Balingen, zweitausend Seelen, bei denen sich der Ortsname zu "Oschdorf" weitet, gebettet in sanft gewelltes Land, auf halber Strecke zwischen Stuttgart und Bodensee, drei Gaststätten, eine Tankstelle, ein Tante-Emma-Laden, eine Kirche und ein Rebell. Ernst-Hermann Maier ist im siebenundsechzigsten Jahr seines Lebens noch immer ungezähmt wie seine Rinder. Heute hat er sich auf den Weg zur Weide gemacht, um Annika zu töten. Drei Jahre ist sie alt, 450 Kilo schwer, ein Kalb hat sie im Moment nicht und weil sie im Augenblick auch nicht trächtig mit einem neuen ist, darf sie nach Maiers ethischem Kodex als schlachtreif gelten.

"Am liebsten würde ich sie ja alle leben lassen, bis sie ganz natürlich das Zeitliche segnen", spricht Maier, leise, denn er nähert sich bereits seiner Herde, in die er jetzt keine Unruhe bringen möchte. 240 Tiere, 30 Bullen darunter, Kühe, Kälber, jedes trägt einen Namen, Iris, Walter, Resi, Annemann, und keines "trägt die Hörner wie gedemütigtes Stallvieh nach unten", wie Maier sagt, "sondern wieder stolz nach oben." "Uria-Rinder" hat er seinen Stolz getauft. Nach dem Auerochsen "Ur", der bis vor vierhundert Jahren noch durch ...

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