Utopie oder Revolution?

Ein Basler Unternehmen will Gütertransporte unter die Erde verlegen

Hannah Fedricks Zelaya

Von Hannah Fedricks Zelaya

Mo, 04. März 2019 um 15:59 Uhr

Südwest

Der Sonntag Den Verkehrskollaps will ein Basler Unternehmen bekämpfen. 2045 soll das Tunnelsystem 500 Kilometer lang sein. Kann das funktionieren? Ein Besuch vor Ort – in einem Kellerbüro.

Das Basler Büro ist winzig für das riesige Projekt, das darin geplant wird. Zwei funktionale Arbeitsplätze, eine Flipchart, weiße Wände. Die visionären Ideen hängen hier nicht an der Bürowand, sie werden in den Köpfen der zwei Mitarbeiter entwickelt und koordiniert. Einer von ihnen ist Gabriele Guidicelli, grau meliertes Haar, Schnauzer, wache Augen. "Ich hole Sie am Empfang ab, das ist einfacher", sagt er. Und hat recht. Er geht ins Nachbargebäude, um Kurve und Kurve und hinab in den Keller, bis das kleine Büro erreicht ist. "Bei uns ist der Name Programm", sagt Guidicelli dazu mit einem Schmunzeln.

Guidicelli ist technischer Leiter der Cargo Sous Terrain AG (Fracht unter der Erde) und will den Warenverkehr in der Schweiz revolutionieren: Statt höher, schneller, weiter setzt er auf tiefer und langsamer. Die 2017 aus einem Förderverein hervorgegangene Aktiengesellschaft plant in 20 bis 30 Metern Tiefe ein Tunnelsystem von knapp 500 Kilometern Länge. Bis 2045 soll es von Luzern nach Basel und von Genf nach Sankt Gallen quer durch die Schweiz führen. Güterwagen sollen in Tunneln von sechs Meter Durchmesser vollautomatisch mit einer Geschwindigkeit von 30 Kilometern pro Stunde rund um die Uhr Waren transportieren.

Eine Utopie?

An mehr als 80 Umschlagstellen, sogenannten Hubs, sollen Waren für Industrie und Handel an- und abgeliefert werden. Passend dazu soll in den Städten ein grünes City-Logistik-System angeschlossen werden, das die Waren von den Hubs am Stadtrand mit Elektroautos und Fahrrädern zum Empfänger bringt.

Der Plan ist, die überlasteten Straßen vor dem Verkehrskollaps zu bewahren, die CO2-Emissionen zu senken und den Warenverkehr effizienter zu machen. Eine Utopie?

"Die Idee selbst ist nicht neu. Auch die Technologien nicht", gibt Guidicelli zu. Neu sei jedoch, dass jemand diese Idee angepackt habe und die verschiedenen Technologien verknüpfe: Ein Zusammenschluss namhafter Schweizer Firmen hat 2013 den Förderverein gegründet, um die Utopie Realität werden zu lassen. Auslöser für die Entscheidung zu handeln war unter anderem eine Studie des Berner Bundesamts für Raumentwicklung, welche schätzt, dass das Verkehrsaufkommen in der Schweiz bis 2040 allein im Güterverkehr um 37 Prozent steigen wird.

"Wir werden nicht den gesamten Güterverkehr ersetzen können, sondern sehen uns als Ergänzung." Gabriele Duidicelli


Cargo Sous Terrain will diesen steilen Anstieg abfedern. "Wir werden nicht den gesamten Güterverkehr ersetzen können, sondern sehen uns als Ergänzung." Guidicelli schätzt, fast die Hälfte der Schweizer Warentransporte in den Untergrund verlagern zu können.

Die größte Verkehrsdichte besteht schon jetzt rund um Zürich. Als erstes Teilstück des Tunnelsystems soll daher bis 2030 eine rund 70 Kilometer lange Strecke von Zürich in westlicher Richtung nach Härkingen-Niederbipp realisiert werden. "Hier haben wir inzwischen eine potenzielle Strecke gefunden", sagt Guidicelli. Sie führe hauptsächlich durch Felsen, nicht unter Siedlungen hindurch und vermeide Grundwasservorkommen. Der Schwanauer Tunnelbohrmaschinenbauer Herrenknecht steht dem Unternehmen beratend zur Seite und sieht generell keine Schwierigkeiten beim Untergrund. "Es gibt für alle Bodenarten die passenden Maschinen, auch bei Grundwasservorkommen", versichert eine Sprecherin des weltweit tätigen Unternehmens. Sie sei zuversichtlich, dass das Projekt aus technischer Sicht gelingen kann. "Die Schweizer haben Erfahrung im Tunnelbau", sagt sie und verweist auf den Gotthard-Basistunnel: "Hier wurde sowohl der Zeit- als auch der finanzielle Rahmen eingehalten."

Warten auf ein Gesetz

Damit die Strecke sowie das gesamte weitere Tunnelsystem aber überhaupt erst geplant werden kann, wartet Guidicelli noch auf eine Grundvoraussetzung: ein Gesetz auf Bundesebene, das das private Bauen über Kantonsgrenzen hinweg ermöglicht und regelt. Bisher gibt es ein solches Gesetz noch nicht. Vergangenen Herbst hat der Bundesrat jedoch die Gesetzgebung in Gang gebracht und die Vernehmlassung angekündigt, in deren Rahmen die Öffentlichkeit Einwände vorbringen kann. "Diese hat sich nun etwas verzögert, wird aber wahrscheinlich um Ostern herum eröffnet", sagt Gregor Saladin, Sprecher des Bundesamts für Verkehr.

Allein für die Planungsphase belaufen sich die Kosten auf 100 Millionen Euro. Für den Bau der ersten Teilstrecke werden die Kosten auf knapp drei Milliarden geschätzt, für das gesamte Netz auf rund 30 Milliarden. Rund 50 Investoren mit klingenden Namen unterstützen das Projekt. Unter ihnen die größten Schweizer Händler Migros und Coop, die Bundesbahnen, die Post, große Versicherungen und Banken, das amerikanische Unternehmen Virgin Hyperloop One – das ebenfalls Güter im Untergrund verschicken will – sowie die Pekinger Dagong Global Investment Holding.

Von den Investoren zugesichert sind bisher immerhin die ersten 100 Millionen Franken. "Das war Voraussetzung, damit die Regierung die Gesetzgebung anschiebt", sagt Saladin vom Bundesamt für Verkehr, "sie will das Commitment der Wirtschaft spüren." Immer wieder seien in der Vergangenheit ähnliche Projekte an der Finanzierung gescheitert; wie beispielsweise das Projekt Swissmetro, eine unterirdische Magnetschwebebahn, die Personen transportieren sollte. Eine finanzielle Unterstützung seitens des Bundes sei aber kein Thema. "Wir sehen das Projekt positiv, weil es leichte volkswirtschaftliche Vorteile bringt. Aber die Regierung wird ihre definitive Haltung erst nach der Vernehmlassung festlegen", so Saladin.

Guidicelli ist sich des Risikos der privaten Finanzierung bewusst. "Für die ersten 100 Millionen haben wir aber die Zusagen der Aktionäre und ich denke nicht, dass danach noch jemand abspringt. Da ist dann schon zu viel investiert worden." Er sieht im privaten Modell auch Vorteile: "So muss das Projekt wirtschaftlich bleiben." Einer der Gründe, derentwegen er an das Projekt glaubt: Wirtschaftsgrößen wie Migros und Coop investieren nicht in Projekte, die sie nicht für realisierbar halten.

Mehr Stellen werden ausgeschrieben

Guidicelli kam 2017 zu Cargo Sous Terrain. "Ich habe als Dozent gearbeitet, wollte aber wieder zurück in die Wirtschaft." Er hörte einen Vortrag über das visionäre Verkehrsprojekt. Die Idee faszinierte ihn. Ein Freund erzählte ihm, die AG suche Mitarbeiter. Obwohl die Stellenanzeige schon länger zurücklag, bewarb sich der Ingenieur und bekam die Stelle. "Es war schwer, jemanden für eine scheinbar unsichere Stelle zu finden. Die meisten Menschen gehen nicht gerne Risiken ein", sagt Guidicelli. "Aber wenn man etwas bewegen will, muss man etwas wagen." Er ist stolz darauf, der erste Angestellte von Cargo Sous Terrain zu sein. Und glaubt daran, dass seine Stelle noch lange erhalten bleibt. "Inzwischen sind wir zu zweit, bald zu dritt und vier Stellen sind noch ausgeschrieben."

Die werden dringend gebraucht, weil das City-Logistik-System schon 2020/2021 Warentransporte am Stadtrand bündeln und den Güterverkehr um bis zu 30 Prozent verringern soll. "Dafür brauchen wir ja keine Tunnel", sagt Guidicelli mit einem Schmunzeln. Wohl aber ein umfassendes funktionierendes IT-System, das nun auf Hochtouren entwickelt werden soll.

Zürich ist eine der ersten Städte, die vom City-Logistik-System profitieren sollen. "Das Projekt unterstützt die Verkehrsstrategie der Stadt ,Stadtverkehr 2025’. Das Tiefbauamt arbeitet daher aktiv daran mit", bestätigt Richard Wolff vom Tiefbau- und Entsorgungsdepartement. Es sei eine Chance, Lastwagenfahrten und deren Emissionen auch "auf der letzten Meile", also in der Stadt, zu reduzieren. Wolff sagt aber auch: "Es sind zwar schon viele Hürden genommen, aber bis zur Realisierung ist es noch ein langer Weg."

Politische und gesellschaftliche Hürden

Für Guidicelli steht die Realisierung des Gesamtprojekts nicht am Ende eines langes Weges, sie ist der Weg, den er täglich beschreitet. Und der Grund, warum er in manchen Monaten fast 30 Tage unterwegs ist. In seinem kleinen Büro zwischen Badischem Bahnhof und Roche-Turm lehnt er sich im Stuhl zurück. Seine Augen funkeln unternehmungslustig. Die Technologie sei nicht das Problem. "Ingenieure schaffen ganz einfach die Technik, die sie brauchen." Die größte Hürde für die Realisierung visionärer Projekte sei vielmehr die gesellschaftliche und politische Einstellung: "Es ist eine reine Kopfsache." Auch mit Blick auf die internationalen Investoren denkt er schon weiter. "Richtig gute Lösungen sind die, die sich auch an anderen Orten umsetzen lassen." Die Idee von Cargo Sous Terrain ist jedenfalls patentiert. Denn Guidicelli ist sich sicher: "Wenn es funktioniert, wird es kopiert werden."