Theater

Barbara Frey nimmt Abschied von ihrer Zürcher Intendanz mit einer Inszenierung nach "Die Toten" von James Joyce

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Do, 13. Juni 2019 um 20:15 Uhr

Theater

Zehn Jahre war Barbara Frey Intendantin des Zürcher Schauspielhauses. Bei ihrer Inszenierung nach "Die Toten" ist die Sprache der eigentliche Protagonist der Aufführung.

Es wird nicht mehr hell werden an diesem Abend im Zürcher Pfauen. Man könnte es meinen, denn in James Joyces Erzählung "Die Toten", die seinen 1914 erschienen Band "Dubliners" abschließen, geht es um ein großes Fest, das in einem irischen Haus alljährlich am 6. Januar, dem Tag der Erscheinung des Herrn, gefeiert wird. Doch Barbara Frey hat ihre letzte Inszenierung als Intendantin des Zürcher Schauspielhauses vom berühmten Ende des Textes her entwickelt, wo sein Protagonist seine höchst eigene Epiphanie erlebt: "Seine Seele hatte sich jener Region genähert, wo die unermeßlichen Heerscharen der Toten ihre Wohnung haben (...) Seine eigene Identität verschwand in eine graue ungreifbare Welt".

Als ob sich auch die Inszenierung dieser Region nähern wollte, scheint aus ihr fast jede Farbe gewichen zu sein: In fahlem Licht dreht sich sich die Bühne sehr langsam um sich selbst; die Figuren, die sie bevölkern, mal an einem sehr langen Tisch sitzend, mal sich um ein Klavier gruppierend, scheinen wie eingefroren zu sein. Wenn sie sprechen, sprechen sie im Chor. Aber was heißt hier sprechen: Ihre Artikulation geht auf Zehenspitzen – ein Wispern, Flüstern, Raunen, Säuseln, als ob sie selbst schon jene Toten wären, die Joyce seinen Helden heraufbeschwören lässt. Es ist ein in jeder Beziehung musikalischer Abend, der von Jürg Kienberger am Klavier mit verwehender Zartheit begleitet wird: Und nicht nur deshalb kommen gelegentlich Assoziationen an das Theater von Christoph Marthaler auf, der für eine kurze Zeit der Vorvorgänger von Barbara Frey in Zürich gewesen ist. Auch bei Frey wird gesungen. Aber was heißt hier singen: Hier und dort reißen sich Melodiefetzen aus der Stille los, The Dubliners, Bach, Cohen. Dreivierteltakt, weil hier ja nichts voranschreitet, nichts vorwärtsgeht. Alles so leise, so sacht, so behutsam, man könnte fast jenen Schnee fallen hören, den Gabriel – ja er heißt wie ein Engel – in "Die Toten" tatsächlich "still durch das All fallen hört".

Wenn es so etwas wie leise Radikalität gibt, dann ist sie in diesem kompromisslosen Abschiedsgeschenk der Intendantin an ihr Publikum am Platz; einem wahren Nachtstück – so auch der Titel eines Musikprojekts von Frey mit dem Perkussionisten Fritz Hauser –, das sich allem lärmigen Aktionismus entzieht, der sich auf deutschsprachigen Bühnen mit dem Begriff Regietheater verbindet; undenkbar, dass in Barbara Freys Inszenierungen Webcams zum Einsatz kämen. Der Verzicht auf theaterfremde Mittel mag in heutigen Zeiten altmodisch erscheinen. Auch dass Frey in ihrer zehnjährigen Amtszeit in Zürich überwiegend auf den dramatischen Kanon gesetzt hat: dass sie sich selbst immer wieder mit "klassischen" Stücken von Shakespeare bis zu Horváth, von Kleist bis zu Tschechow, von Schiller bis zu Ibsen auseinandergesetzt hat, ist im zeitgenössischen Betrieb eine Seltenheit geworden. Der Zeitgeist hat die erste Frau an der Spitze des Zürcher Schauspielhauses nie interessiert.
Eine Verbeugung
vor der Literatur

Ein weiter Bogen spannt sich von "Maria Stuart", mit der die Nachfolgerin des später in Wien böse gestrandeten Matthias Hartmann in Zürich 2009 angefangen hat, bis zu "Die Toten": Damit wollte Frey dem großen irischen Dichter, der immer wieder in der Stadt gelebt, Teile seines "Ulysses" geschrieben und dort auch 1941 im freiwilligen Exil gestorben ist, ihre Reverenz erweisen. Eine schöne Geste der Stadt gegenüber, die Frey und ein Großteil ihres fabelhaften Ensembles mit Michael Maertens an der Spitze nun verlassen – und eine Verbeugung vor der Literatur: ihrer Widerständigkeit, ihrer Schönheit und, vor allem, ihrer Imaginationskraft. Der Geist, die Fantasie, das hat Barbara Frey in einem Interview mit dem Schweizer Radio SRF gesagt, muss immer wieder auf Reisen gehen können: "Das ist das, was den Menschen ausmacht. Und das ist das, was die Kunst kann."

Die Kunst: Das ist für die gebürtige Baslerin, die Germanistik und Philosophie studiert hat, eben vor allem die Sprache. Und in zweiter Linie die Musik: Sie hat während ihres Studiums Schlagzeug in verschiedenen Bands gespielt. Auch deshalb sind ihre Inszenierungen musikalisch zu nennen: sei es, dass sie von Klängen begleitet werden – wie etwa ihre "Hamlet"-Inszenierung vom vergangenen Jahr – , sei es, dass die Literatur selbst ihre musikalischen Qualitäten entfalten kann, weil sie bei Barbara Frey stets zu ihrem Recht kommt. Deshalb darf man ihre letzte Inszenierung in Zürich durchaus als programmatisch bezeichnen. Die Sprache selbst, die großartige Sprache von James Joyce, der als ausgebildeter Tenor selbst ein beachtlicher Musiker gewesen ist, ist der eigentliche Protagonist dieser Aufführung. Wer sie zu hören und sich an ihr zu erfreuen versteht, der wird in "Die Toten" keine dramatische Aktion, keinen Plot, keine "Story" vermissen. Aus "purer Lust", sagt Frey in dem Interview, in dem es auch um die erschreckend voranschreitende Funktionalität der Stadt Zürich geht, die sie zunehmend prägende "Erotik der Zahlen", habe sie die Erzählung auf die Bühne gebracht.

Aus purer Lust an der Kunst auch hat sie vermutlich Frauen um sich versammelt, ihre begnadete Bühnenbildnerin Bettina Meyer, ihre mehrfach zum Berliner Theatertreffen eingeladene Kollegin Karin Henkel. Statt sich in Skandale zu verwickeln, hat Barbara Frey schlicht und einfach gutes Theater gemacht. Nach ihr steht ein großer Wechsel an. Mit Nicolas Stemann kommt ein ganz anderer Typus von Regisseur nach Zürich. Man darf gespannt sein, wie das nach der erfolgreichen Ära Frey funktioniert.

Die letzten Aufführungen von "Die Toten": 14., 18., 20. und 24. Juni. Am 28. Juni gibt es noch einmal "Hamlet".