Die eine Realität gibt es nicht

Joss Reinicke

Von Joss Reinicke

Di, 18. Juni 2019

Theater

"Schau mich an!": Ein Musiktheaterprojekt von Theater und Musikhochschule Freiburg.

Ein menschengroßer Teelöffel, schrille Lampenschirme und luftballonähnliche Weintrauben – surreale Gegenstände dieser Art durchziehen Lynn Schweidweilers und Paula Mierzowskys Bühnenbild von "Schau mich an!", einer Koproduktion, die im Kleinen Haus des Theater Freiburgs zur Uraufführung kam. Unter der musikalischen Leitung des Kompositionsprofessors Brice Pauset sangen Sängerinnen und Sänger der Hochschule für Musik Freiburg, während Johann Diel, Assistent am Freiburger Theater, Regie führte. Drei Stücke, sechs Darsteller und ein Kammermusikensemble disponierten diese Produktion, verwoben mit Auszügen aus Händels "Alcina" von 1735.

Mit kantablem Vortrag eröffnen die Streicher in "The Cabalist of East Broadway" dem singenden Erzähler (Malte Kebschul) seinen Vorhang. In dessen Lebensentwurf irritiert, berichtet er in dem Stück des Kompositionsstudenten Ruslan Khazipovs – beruhend auf der gleichnamigen Erzählung von Isaac Bashevis (1976) – von der Bekanntschaft des eigenartigen Joel Yabloner (Steffen Schwendner). Dieser, ein alter jüdischer Gelehrter, der sein Leben lieber einsam im New Yorker Café verbringt als mit Ruhm und Anerkennung in Tel Aviv und ein platonisches Liebesleben mit Deborah (Isabel Weller) führt, gibt dem fragenden Erzähler die nüchterne Antwort: "Menschliches Leben folgt keinen rationalen Begründungen". Kebschul und Schwendner erzeugen in dieser Gegenüberstellung eine eindrückliche Spannung, gleichzeitig umhüllt von Khazipovs dichter Musik, mit collagenartigen Klanggebilden.

Unvermittelt ist aus Deborah plötzlich die Zauberin Alcina geworden, deren musikalische Kulisse in tänzerisch, barocker Phrasierung von den Instrumentalisten eingeweiht wird. Mit ihren Zauberkräften ist Alcina (Isabel Weller) sogar der Liebe mächtig, was auch Bradamante (Julia Hilpert) bitter feststellen muss. Ihr Verlobter Ruggiero, dessen Alt-Partie Lara Morger singt, verlangt nun einzig nach Alcina. Morger bringt das in ihrer Arie mit energisch, feurigen Koloraturen emphatisch zum Ausdruck.

In das von Intrigen und Zauber getränkte Geflecht spannen sich auch die eifersüchtige Morgana (Heejin Kim), die mit eindringlicher Intensität ihre Phrasen gestaltet, und der Heerführer Oronte (Steffen Schwender): Ein Dickicht des Zaubers, indem Realität und Phantasma immer stärker verschwimmen. Sobald Alcinas Macht überlistet ist, zerfällt das aus Magie errichtete Luftschloss, eine Entzauberung als Dekonstruktion ihrer Identität. "Was bleibt dir noch?", fragt sie sich selbst. Plötzlich ist sie wieder eine andere, Isabell Weller, und zwar die namenlose Protagonistin ICH, die, in ihrem Bett liegend, von der gescheiterten Liebe zu Ivan erzählt sowie ihrem Trauma vom Zweiten Weltkrieg.

Céline Steiners Werk "Malina", ebenfalls eine Uraufführung, beruht auf dem gleichnamigen Roman Ingeborg Bachmanns (1971). Die Kompositionsstudentin zeigt darin ihr feines instrumentatorisches Gespür, dessen Klangfarbenspektrum wie sensible Scheinwerfer in die psychologische Gebrochenheit dieses ICHs hineinleuchten. Wellers Einsatz an diesem Abend beeindruckt, indem sie die schauspielerisch und stimmlich äußerst vielfältige Partie ausdrucksstark darbietet. In ihrer seelischen Obdachlosigkeit verschwimmt ICHs Welt immer weiter, schließlich entgleitet sie der Realität: durch einen Riss in der Wand.

Drei unterschiedliche Darstellungen von Subjektivität sind es, die "Schau mich an!" gegenüberstellt. Zum ästhetischen Objektivitätsanspruch barocker Affektkonstellationen kommen bei Khazipov und Steiner gänzlich andere Blick- und Hörwinkel zur Darstellung. So erweisen sich die surrealen Gegenstände auf der Bühne schließlich als realste Konstanten jener Welten. Die "eine" Realität gibt es nicht, weder bei Yabloners, Alcina noch dem ICH aus Malina.