Die vierfachen Königinnen

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Sa, 22. Juni 2019

Theater

Claudia Bauer inszeniert zum Auftakt der Mannheimer Schillertage "Maria Stuart".

Elisabeth oder Maria: Das ist hier nicht die Frage. Die 20. Schiller-Tage in Mannheim haben nicht mit dem Machtkampf zweier Königinnen eröffnet. Streng genommen. Denn in Claudia Bauers Inszenierung "Maria Stuart" stehen sich nicht zwei Protagonistinnen gegenüber, sondern zwei mal vier: eine vierfache Elisabeth, eine vierfache Maria. Und diese beiden kleinen Kollektive sind auch noch durchgegendert: jeweils zwei Frauen, zwei Männer. Das sieht man allerdings nur auf den zweiten Blick. Denn alle Schauspieler tragen dasselbe Kostüm – nur in verschiedenen Farben: ein Beinkleid im wahrsten Sinn des Wortes, zur Hüfte hin ausladend wie ein umgekehrter Rock, dazu Korsettagen mit Puffärmeln (Kostüme: Andreas Auerbach). Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern sind eingeebnet – bis hin zu den kahlen Köpfen und weiß geschminkten Gesichtern. Normale Menschen sehen gemeinhin anders aus – im intellektuell anspruchsvollen Programmheft fällt dann auch irgendwann der Begriff "Cyborg".

Das alles führt ziemlich weit weg von Schiller. Einerseits. Andererseits ist an diesem gut zweistündigen Abend, einer Premiere, die das Nationaltheater selbst zu einem – so Intendant Christian Holzhauer in seiner engagierten Eröffnungsrede – der größten Theaterfestivals im deutschsprachigen Raum beisteuert, doch ausschließlich Schillertext zu vernehmen. Was also will die renommierte Regisseurin, die eben erst mit ihrer Basler Produktion "Tartüffe oder das Schwein der Weisen", einer Molière-Überschreibung von PeterLicht, zum Berliner Theatertreffen eingeladen war, mit ihrer Inszenierung aus Schillers Tragödie herausholen?

Es geht, zuerst und zunächst, um Macht. Um politische Macht, ihre Schachzüge und Intrigen, Schillers Spezialgebiet, im Allgemeinen und um die Rivalität zweier Frauen im Besonderen. Bauer entindividualisiert den Kampf einer Throninhaberin gegen die Ansprüche einer Thronprätendentin, auf radikale Weise. Sie denkt seine Loslösung von einer konkret handelnden Person, man kann es auch das Subjekt der Geschichte nennen, konsequent zu Ende. Das Prinzip Elisabeth und das Prinzip Maria sind kongruent, da hier wie da mit denselben Waffen gekämpft wird.

Einzig an den Perücken, die sich die Darsteller von Zeit zu Zeit überstülpen – Elisabeth rot, Maria schwarz – werden die antagonistischen Parteien als solche sichtbar. Vor allem naturgemäß in der zentralen – von Schiller aus dramatischen Gründen frei erfundenen – Szene des Stücks, in der die Kontrahentinnen direkt aufeinander treffen: die protestantische englische Königin, die das Todesurteil gegen ihre Rivalin wegen angeblichen Hochverrats nur noch unterschreiben muss, vor diesem letzten Schritt allerdings zurückschreckt, und die katholische schottische Königin, die nur noch auf Gnade oder ihre gewaltsame Befreiung aus der Kerkerhaft hoffen kann. Es ist also de facto ein ungleiches Duell. Doch die rhetorische Kraft der Schillerschen Sprache steht beiden gleichermaßen zu Gebote: Und der Dichter hat sein Stück ja nicht von ungefähr "Maria Stuart" genannt.

Sie spuckt ihr das Wort

"Bastard-Königin" vor die Füße

In dieser Szene agieren die vier Elisabeths (Sophie Arbeiter, Sonja Isemer, Robin Krakowski, Patrick Schnicke) und die vier Marias (László Branko Breiding, Johanna Eiworth – unter Barbara Mundel im Ensemble des Freiburger Theaters – , Vassilissa Reznikoff und Nicolas Fethi Türksever) sehr stark pantomimisch: Man sieht, wie die Redeschlacht hin und her wogt. Bevor das Elisabeth- das Maria-Quartett zu Boden gerungen hat, holt eine davon zum Befreiungsschlag aus. Sie schreit der Herrscherin von England ihre ganze Verachtung entgegen, spuckt ihr das Wort "Bastard-Königin" vor die Füße und wälzt sich vor Erregung zuckend am Boden.

Mit diesem jedes Kalkül zerschlagenden Emotionsausbruch hat Maria das politische Machtspiel verlassen: Der Triumph über ihre Widersacherin besiegelt zugleich ihren Tod. Und just in diesem Moment bekommt sie Gesicht und Geschlecht. Für den Rest der Abends tritt Vassilissa Reznikoff mit kurzem Kleid und Stöckelschuhen als weibliches Individuum auf. Als einzige wird sie erkennbar: als Opfer der Macht, das seine kommende Hinrichtung hysterisch ausgelassen mit Sekt feiert. Bevor man diese Szene als Happy End missverstehen könnte, schiebt die Regie die brutale Schilderung ihres Geköpftwerdens nach: Wie das Messer zuerst am Hinterkopf abgleitet, wie auch der zweite Hieb noch nicht tödlich ist: Und dass das Haupt allein noch eine ganze Zeit lang gezuckt hat. Theaterblut aus weißen Eimern soll die Schilderung beglaubigen.

Das mag alles sehr genau durchdacht sein, auch dieses lange Hinsterben der Maria als Ersatz für die christliche Apotheose, die ihr Schiller zuteil werden lässt: Berührt wird man davon nicht, weder emotional noch rational. Wie auch, wenn das Bühnengeschehen jede Identifikation mit den Figuren verhindert.

Im Sinne Friedrich Schillers wäre eine so selbstgenügsame intellektuelle Spielerei sicher nicht. Besonders ihm war es um die durchaus auch pädagogische Wirkung der Kunst betan. Nicht umsonst schrieb er die berühmten "Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen". Diese hat das Nationaltheater zum Anlass genommen, in Zusammenarbeit mit dem Wunderhorn Verlag 27 Autoren um eine Relektüre dieser Texte zu bitten. "Immer noch Barbaren" ist die so ungewöhnliche wie anregende Textsammlung übertitelt, in der sich keineswegs nur deutsche Schriftsteller wiederfinden: Das Spektrum reicht von Nino Haratischwili bis zu Necati Öziri, von Cécile Wajsbrot bis zu Aya Cissoko, die einen der stärksten Texte verfasst hat. In einigen Statements spürt man die politische Dringlichkeit, die sich das Festival mit seinem Motto "Fieber!" wünscht. Die Schillertage dauern bis zum 30. Juni.

Immer noch Barbaren? Neue Briefe "Über die ästhetische Erziehung der Menschen. Herausgegeben von Christian Holzhauer und Juliane Hendes. Wunderhorn Verlag, Heidelberg 2019. 153 Seiten, 20 Euro.


Weitere Informationen unter: http://www.mehr.bz/schillertage2019 http://mehr.bz/schillertage2019