Eher intuitiv als erzählerisch

Annette Hoffmann

Von Annette Hoffmann

So, 23. Juni 2019

Theater

Der Sonntag Die Choreographin Maya M. Carroll und ihr Tanzstück Bloodsong im Freiburger E-Werk.

Was sperrig klingt – nämlich "Kooperatives Tanzentwicklungskonzept Freiburg" – gewinnt derzeit an Sichtbarkeit. "Bloodsong", choreographiert von Maya M. Carroll, feiert am 28. Juni Premiere im E-Werk. Auf der Bühne sind dann sieben Tänzerinnen zu sehen, die teilweise ihre Ausbildung in Freiburg gemacht haben.

"Alles entsteht aus der Affinität zum Rhythmus", sagt Maya M. Carroll. Selbst die Beziehungen im Stück formen sich durch einen inneren Sinn für Musikalität, führt die in Berlin lebende Choreographin aus.

Kein Wunder, ihr Mann Roy Carroll ist für die Musik zuständig. Für "Bloodsong" hat der gebürtige Ire neben elektronischen Patterns auch einen italienischen Frauenchor und Vogelstimmen einbezogen, die er in Freiburg aufgenommen hat. Zusammen bildet das Paar "The Instrument" und versteht sich als eine Art Band. Maya M. Carrolls neues Tanzstück "Bloodsong" führt das Musikalische bereits im Titel. Doch die 1976 geborene Tänzerin und Choreographin, die in Haifa aufwuchs, würde noch weiter gehen. Nach ihrem Verständnis ist jeder Körper ein Instrument, eine Resonanzkammer, nicht allein für Klänge, sondern auch für Erzählungen und Familienerinnerungen.

Dass sie jetzt auf Einladung von E-Werk, bewegungsart (Schule für Tanz, Improvisation und Performance) und Tanznetz Freiburg sechs Wochen im Südufer mit sieben Tänzerinnen an "Bloodsong" arbeitet, greift eine alte Idee von bewegungsart auf. Mehrere Jahre ergänzte das Postgraduierten-Projekt die Ausbildung: Ein Format für junge Absolventen, denen die Möglichkeit gegeben wurde, zum ersten Mal unter professionellen Bedingungen mit Choreographen zu arbeiten. Unter dem neuen Dach der Tanzpakt Stadt-Land-Bund-Förderung wurde es leicht modifiziert. Dass ein solches Angebot, mit einer international erfahrenen Choreographin zu arbeiten, eine lokale Szene stärkt, bekräftigt Julia Klockow. Sie ist nicht nur für die Pressearbeit des Tanznetz Freiburg zuständig, sondern selbst Tänzerin. Im letzten Jahr schloss sie die Ausbildung bei bewegungsart ab, seitdem war sie bereits in Produktionen der freien Szene zu sehen. "Solche Projekte geben Raum sich zu finden", sagt sie.

Auf die Ausschreibung zur Audition meldeten sich 26 Tänzerinnen und Tänzer. Dass es am Ende acht Frauen wurden, habe sich eher zufällig ergeben, erzählt Maya M. Carroll nach der Probe. Die Tänzerinnen, vier kennt sie aus der Berliner Tanzszene, hätten auf sie den stärksten Eindruck hinterlassen und sie seien individuell, ohne gleich die Gruppe zu sprengen.

Tatsächlich wirken die sieben – eine erkrankte – während eines Probendurchlaufs anfangs geradezu uniform, die Kleidung ist dunkel, die Haare sind unter Baseballcaps gebändigt – wie ein weibliches Sportteam, sagt Maya M. Carroll. Erst nach gut 40 Minuten verschwinden die Kopfbedeckungen, dann hat "Bloodsong" bereits mehrfach die Atmosphäre gewechselt. Nach einem sehr formalen Anfang, der sich wesentlich auf Grundkonstellationen wie Gehen, Sitzen und Liegen konzentriert, wird die Choreographie immer dynamischer und auch szenischer. Im zweiten Teil, Carroll nennt die Teile "Kapitel", sieht man wiederkehrende Bewegungen, die an Gesten erinnern und die von Texten begleitet werden. Die Tänzerinnen sprechen sie, sie sind aber kaum hörbar. Übersetzt man die Musik in Rhythmus, also auch in Pausen, dann zählen auch die Zwischenräume. Das, was zwischen den Gesten und Worten ist, was nicht getanzt werde, sagt Carroll.

Die Choreographie streife viele Geschichten, erzählt Carroll und dass sie als Choreographin nicht an linearen Erzählungen interessiert sei. Eher gehe es ihr um Überlagerungen, vieles sei eher intuitiv als erzählerisch. Ganz ähnlich wie Roy Carrolls Komposition, denkt man. Dort berühren die Frauenstimme und der Gesang der Vögel etwas Elementares in uns. Maya M. Carroll geht es auch um Blutsbande und die Verbindung zwischen Generationen. Die Tänzerinnen werden zu Spiegeln, in denen das Publikum sich erkennen kann.
Bloodsong, Ein Tanzstück von "The Instrument", Premiere: 28. Juni, 20 Uhr, weitere Vorstellungen: 29. Juni, 4. bis 6. Juli, jeweils 20 Uhr, E-Werk, (Eschholzstraße 77), Freiburg.