Kabarett

Lisa Eckhart im Freiburger Vorderhaus: Das Gegenteil von Wohlfühlkabarett

Heidi Ossenberg

Von Heidi Ossenberg

So, 17. Februar 2019 um 18:48 Uhr

Theater

Wohlfühlkabarett ist ihre Sache nicht: Beobachtungen beim Auftritt der Österreicherin Lisa Eckhart im Freiburger Vorderhaus.

Bescheidenheit ist keine Zier – nicht bei ihr! Kaum hat Lisa Eckhart die in blutrotes Licht getauchte Bühne des Freiburger Vorderhauses betreten, verkündet sie, nicht Künstlerin, sondern Kunst zu sein. Man wähnt sich nicht in der Position, das anzuzweifeln – die österreichische Kabarettistin ist eine beeindruckende Erscheinung: sehr groß, sehr schlank, sehr lange Fingernägel an sehr langen Händen, die ständig in Bewegung sind. Weißblondes, asymmetrisch geschnittenes Haar, ein knallroter Mund, ein gemusterter, langärmliger Body, schwarze Strümpfe und schwarze Highheels. Nichts lenkt in den nun folgenden zwei Stunden von der Selbstinszenierung dieser ungewöhnlichen Frau ab.

Ein Humor, der nicht auf Lacher angewiesen ist

Orts- und Zeitwechsel: Vor zwei Jahren bei der Internationalen Kulturbörse auf der Freiburger Messe war Lisa Eckhart erstmals aufgefallen. Ein Kurzauftritt während der Eröffnungsgala schon machte klar – diese Kabarettistin ist anders als viele andere. Die Stimme kann flüstern und deklamieren, sehr weich und sehr hart klingen. Der österreichische Akzent lässt sie ungeheuer lässig wirken. Ihr Humor ist bitterböse, zu keiner Sekunde scheint er auf einen Lacher aus dem Publikum angewiesen. Ihr divenhaft-geheimnisvoller Auftritt macht neugierig: Hält Lisa Eckhart, was sie hier verspricht, auch einen ganzen Abend durch?

Zurück im Vorderhaus. Es ist brechend voll. Lisa Eckhart ist 26, so jung ist hier sonst fast niemand. Es gibt keinen Kicherteppich, wie manchmal im Kabarett. Denn es ist nicht so, dass man aus dem Lachen nicht mehr herauskommt, wenn Lisa Eckhart in "Die Vorteile des Lasters" über die sieben Todsünden spricht. Es ist eher so, dass man von dem mit großen, deklamatorischen Gesten Überbrachten überrascht wird, überrumpelt, erschrickt – und darum hin und wieder laut auflacht.

Affirmatives Wohlfühlkabarett ist Lisa Eckharts Sache definitiv nicht. Sie macht sich nicht gemein mit dem Volk, das da unten im Zuschauerraum auf den Sitzen hockt und an ihren roten Lippen hängt. In gewisser Weise führt sie uns vor – vor uns selbst. Sie ist eloquent, sie scheut kein Thema, kein Tabu. Mit Freiheit könne der Mensch nicht umgehen, höhnt sie. Besser gesagt: Er ertrage sie nicht. Ihre Beispiele entwickelt Eckhart wie Assoziativketten. Ihre Gedanken nehmen immer abstrusere Wendungen, es kommt einem vor, als bremse sie im vollen Überlegungsgalopp einfach ab und rase mit unverändertem Tempo in eine unvorhersehbare Richtung weiter. Körper und Geist in Einklang bringen, wollten wir? Auf welchem Niveau wohl – auf dass der BMI dem IQ entspreche?

Gott spielt eine gewisse Rolle in ihrem Programm – mal wirft sie ihm vor, tot zu sein; ein One-Hit-Wonder zu sein, "wie Lou Bega". Dann wieder lobt sie Gottes Zorn als "schneidig" - das freilich war nur im Alten Testament so, im Neuen Testament sei er ja Vater geworden und somit milde. Mit solchen Kategorien kann Lisa Eckhart gar nichts anfangen, alles, was nach Mittelmaß klingt, nach Kompromiss, nach Verhandlung ist ihr ausgesprochen zuwider. Den Todsünden redet sie das Wort, findet in der Trägheit, dem Zorn, der Wollust, der Habgier, dem Neid, der Maßlosigkeit und der Eitelkeit das gespiegelt, was das Leben lebenswert macht. Ist das dekadent? Unzeitgemäß? Ernst gemeint? Es ist Kunst. Und es trägt mühelos über zwei Stunden, denn Lisa Eckhart ist ein Ereignis auf der Kabarettbühne. Auch in der Wohlfühloase Freiburg. Eine Stadt im Körper eines Dorfes, wie Lisa Eckhart sagt. Sie wird’s wohl wissen.