Tierische Klänge im Kurhaus

Dieter Maurer

Von Dieter Maurer

Mo, 13. September 2021

Hinterzarten

Marschner-Festival nähert sich mit einem besonderen Angebot Kindern an.

. "Viele von euch beherrschen ihr Instrument bravourös. Aber wer weiß, wie eine Geige entsteht?": Mit dieser Frage eröffnete Ariane Mathäus zum Auftakt des Marschner-Festivals erstmals ein Kinderprogramm. Die künstlerische Leiterin der Konzertreihe, anerkannte Solo-Geigerin, Lehrerin und Jurorin erläuterte gemeinsam mit Geigenbaumeister Michael Geiger aus Freiburg den Bau des Streichinstruments – von der Holzauswahl bis zur fertigen Geige.

Der Korpus einer Violine besteht aus Decke, Boden und Zargenkranz. Zusammen bilden sie einen etwa 35 Zentimeter langen Hohlkörper. Mathäus ging im großen Kurhaussaal mit zwei aneinander geleimten Holzplatten, der späteren Decke, durch die Reihen. : "Oft besteht sie aus Fichtenholz. Darauf wird die Form aufgezeichnet und dann ausgefräst." Mit kleinen scharfkantigen Hobeln wird das Holz immer dünner geschliffen, bis es eine Stärke von 2,2 bis 3,5 Millimeter erreicht. Dann werden die Intarsien eingelegt: "Das ist Feinarbeit. Wer sich verschneidet, kann das Stück wegschmeißen", erklärte Mathäus. Auf einem Formbrett aufgeklebte Zargen werden mit Decke und dem Boden aus Ahorn verleimt. In die Decke werden zwei F-Löcher geschnitten: "Damit der Klang aus dem Resonanzkörper auch rauskommt", sagt Mathäus schmunzelnd. Die F-Löcher bestimmen den Charakter des empfindlichen Instruments. Viel Druck auszuhalten hat der Stimmstock, die Seele des Instruments: "Dessen präzise Platzierung beeinflusst und reguliert den Klang."

Der Steg steht ohne Befestigung auf der Decke und wird durch die Spannung der darüber laufenden Saiten in der korrekten Position gehalten. Er muss einen Druck von 40 Kilo aushalten, bei einem Cello sogar von 80 Kilo. Über den Steg werden die Schwingungen der vier Saiten auf den Korpus übertragen. Die Wirbel bestehen meist aus schwarzem Ebenholz. Am oberen, schmalen Ende des Griffbretts befindet sich ein Sattel, über den die Saiten in den Wirbelkasten laufen. Der Wirbelkasten endet in einer feingeschnitzten Schnecke, zuweilen auch als Engels- oder Löwenkopf ausgebildet.

Der aus einer alteingesessenen Geigenbaufamilie in Mittenwald stammende Michael Geiger hatte die Teile sowie die handwerklichen Instrumente mitgebracht. Für den Bau einer Geige veranschlagt er rund zwei Jahre: "Der Arbeitsprozess erfordert 160 bis 180 Stunden. Hinzu kommen die langen Trocknungsphasen nach den Lackierungen."

Im Anschluss an die Theorie bewiesen Preisträger des Wettbewerbs "Jugend musiziert" ihr Können. Der Jüngste zählte sieben Jahre. Im Mittelpunkt des Kinderkonzerts standen "Tierische Melodien". Am Piano begleitet wurden die Talente von Natascha Levitskaya. Die aus St. Petersburg stammende Künstlerin lebt in Nürnberg und trat über ein Vierteljahrhundert hinweg mit dem vor gut einem Jahr gestorbenen Wolfgang Marschner auf: "Er war ein ganz großer Meister."

Levitskaya eröffnete mit der kraftvollen Komposition "Der Stier" von Joseph Haydn. Später ließ sie die flotte und leichtfüßige "Antilope" sowie den "Kuckuck" erklingen. Julian Dreyer spielte auf seiner Violine den "Elfentanz", Polina Dubow den "Libellentanz" und den Klassiker von Franz Schubert, "Die Biene". Gekonnt ließ Fenella Bockmaier die TV-Titelmelodien "Die Maus" und "Der rosarote Panther" auf dem Klavier erklingen. Beliebt bei Cellisten ist "Der Schwan" von Richard Wagner, wiedergegeben von Mika Tamura auf dem Violoncello. Zum Abschluss spielte Fenella Bockmaier aus der Sonate F-Dur den 1. Satz Allegro von Wolfgang Amadeus Mozart. Der 13-jährige Raphael Gisbertz, der schon im Rahmen des Geigenbaus eine Kostprobe seines großen Könnens abgab, ließ das Kinderkonzert mit feurigen Zigeunerweisen ausklingen. Mathäus sprach den Zuhörern aus dem Herzen: "Es war ein Genuss, solch musikalische Schätze für Kinder einmal live zu hören und erleben."