TIPP DES MONATS

Ingrid Mylo

Von Ingrid Mylo

Sa, 23. März 2019

Literatur & Vorträge

Bilder aus dem Dämmer

Otto de Kat: Freetown. Roman. Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke. Verlag Schöffling & Co., Frankfurt 2019. 167 Seiten, 20 Euro.

So überraschend, wie Ishmael eines Tages an ihrer Tür aufgetaucht ist, verschwindet der junge Flüchtling aus Sierra Leone nach sieben Jahren wieder aus Maries Leben: warum, wohin? Der Versuch zu verstehen, treibt Marie zu dem Psychologen Vincent, der fünf Jahre lang ihr Geliebter war: heimlich, weil beide ihre jeweilige Ehe nicht aufs Spiel setzen wollten. Während Marie von Ishmael und ihrer Suche nach ihm erzählt, hofft Vincent auf einen Neuanfang mit Marie. Mit Sätzen, die wirkungsvoll wie genau gerichtete Lichtquellen Gemälde aus der Dämmerung einer Galerie aufleuchten lassen, führt uns Otto de Kat unvergessliche Szenen und Landschaften vor Augen: Und neben der Intensität bewusst gelebter Augenblicke verleiht auch die Vergeblichkeit ihnen Farbe und Tiefe.Lied vorm Einschlafen

Herta Müller: Im Heimweh ist ein blauer Saal. Collagen/Gedichte. Hanser Verlag, München 2019. 22 Euro.

Weil ihr die gängigen Postkarten als Gruß an die Freunde missfielen, fabrizierte Herta Müller ihre eigenen: Weiße Karteikarten beklebte sie mit Bildern und Wörtern, die zuvor in andern Zusammenhängen standen, in Zeitungen und Zeitschriften. Die Sätze, zu denen sie sich bei ihr zusammengefunden haben, reden vom Abschiednehmen, in dem es "was Furchtdurchsichtiges" gibt, von der Wahrheit, die "im Mund fremde Koffer zieht", vom "Gesetz der Rosenlaus". Doch die Zeilen sind mehr als ihr Wortlaut: Die unterschiedlichen Farben, Formen und Größen der Wörter fügen dem Text neben dem schönen Schein weitere Räume hinzu, in denen weitere Geschichten auf ihre Enträtselung warten. Und manchmal klingt, was man liest, wie ein Kinderlied, das man einst vor dem Einschlafen hörte. Ring ums Herz

Susan Hill: Stummes Echo. Roman. Aus dem Englischen von Andrea Stumpf. Kampa Verlag, Zürich 2018. 165 Seiten, 18 Euro.

"Es war einfach so gekommen", dass May, anders als ihre drei Geschwister, auf dem elterlichen Bauernhof geblieben ist: Und nachdem erst der Vater gestorben ist, dann die Mutter, muss sie versuchen, dem "müden Abklatsch von Leben" einen neuen Sinn abzugewinnen. Und sich mit dem heimkehrenden Bruder Frank auseinandersetzen, dessen publizierte Erinnerungen an die gemeinsame Kindheit in furchtbarem Widerspruch zu dem stehen, was vor Jahren in der kargen Einöde wirklich geschah. Dicht ist dieser Roman, intensiv und lakonisch: Susan Hill stellt ihre rechtschaffenen Worte, ihre zupackenden Sätze in den Dienst dessen, was sie erzählt. Und am Ende rundet sie die Geschichte zu einem schmiedeeisernen Ring, der sich dem Leser ums Herz legt.