Schweiz
Trotz neuer Freigrenze zieht der Einkaufstourismus aus der Schweiz wieder an
Eine niedrigere Freigrenze sollte dafür sorgen, dass Schweizerinnen und Schweizer weniger in Deutschland shoppen und die heimische Wirtschaft stärken. Doch der Plan geht nicht auf.
Sa, 29. Nov 2025, 15:00 Uhr
Wirtschaft
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Die neuen Abgaben sollten helfen, die heimische Wirtschaft, speziell den Einzelhandel, zu stützen. Seit Januar müssen Schweizerinnen und Schweizer, die in Deutschland shoppen, ihre Einkäufe bereits bei einem Wert von 150 Franken bei der Einfuhr in ihr Land versteuern. Zuvor lag die Freigrenze bei 300 Franken. Ziel war es, den sogenannten Einkaufstourismus etwas einzudämmen. Ernüchtert stellt der Einhandelsverband SRF (Swiss Retail Federation) nun aber fest: "Der Einkaufstourismus zieht wieder verstärkt an." Die Kunden ließen sich auf der Jagd nach günstigen Preisen von der Absenkung der Freigrenze nicht schrecken. Warum auch? Sie gilt pro Person, bei Familieneinkäufen steigt sie also entsprechend.
Schweizer Einzelhandel büßt an Umsatz ein
Zu ihrem Befund kommt der Verband unter anderem über die Auswertung von Daten der Kreditkartentransaktionen. Und daraus hat SRF auch ermittelt, dass der stationäre Einzelhandel in der Schweiz im ersten Halbjahr 2,2 Prozent an Umsatz eingebüßt hat, der Onlinehandel hingegen konnte leicht um 0,8 Prozent zulegen. Auch hier geht ein Teil des Geschäfts ins Ausland.
Auch das Institut für Handelsmanagement der Hochschule St. Gallen (HSG) kommt in seinem jährlichen Monitoringbericht zum Einkaufstourismus zu dem Ergebnis, dass der Einkaufstourismus 2024 um zehn Prozent zugelegt hat und mit rund 9,2 Milliarden Franken (rund 10 Milliarden Euro) wieder das Niveau von 2017, dem bisherigen Rekordjahr, erreicht hat. Alarmiert rundete das auflagenstarke Gratisblatt "20 Minuten" die Zahl auf und titelte: "Händler verlieren 9,3 Milliarden". Den größten Zuwachs verzeichnete dabei der Bereich der Lebensmittel, der um 800 Millionen Franken auf vier Milliarden zugelegt hat. Laut dem Einkaufsmonitor der HSG fahren 72 Prozent der Schweizer Haushalte im Durchschnitt fünfmal pro Jahr ins Ausland zum Einkaufen und geben dabei pro Einkauf 230 Franken aus. Damit fließen neun Prozent aller Konsumausgaben der Schweizer Haushalte ins Ausland.
Die Jagd nach den günstigen Preisen
Die Jagd nach den günstigen Preisen beim Einkauf kommt nicht von ungefähr. Denn seit Jahren belasten steigende Mieten und Krankenkassenbeiträge vornehmlich Familien. Zuletzt sind die Beiträge zur Krankenversicherung meist stärker gestiegen als die Löhne, laut Bundesamt für Gesundheit allein im vergangenen Jahr um 4,4 Prozent bei einem Lohnplus von 1,8 Prozent nominal. Eine wachsende Zahl von Familienhaushalten muss scharf rechnen.
Das tun viele Familien offenbar weniger mit dem Kopf als mit dem Bauch. Denn laut dem Monitorbericht, den die HSG seit 25 Jahren erstellt, schätzen die Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten die Preise im Ausland um 66 Prozent niedriger ein als in der Schweiz, tatsächlich sind es lediglich 40 Prozent. In besonderem Maß überschätzt werden die Preisvorteile bei Lebensmitteln gefolgt von Sportartikeln. Dabei rangiert bei den Motiven für den Einkauf im Ausland nach wie vor der Preisvorteil an erster Stelle. Beliebtester Einkaufsort in Deutschland ist seit Jahren Konstanz.
Aber auch wenn der Preisvorteil beim Kauf in Deutschland häufig überschätzt wird: Die Schweiz ist ein teures Pflaster, und das ist nicht zuletzt ein Ergebnis der Abschottung durch Zölle zum Schutz der heimischen Landwirtschaft. Zollfrei eingeführt werden können nur landwirtschaftliche Produkte, die in der Schweiz nicht angebaut werden, etwa Mango oder Avocado, für andere sind zum Teil saisonale, zum Teil generell erhobene Zölle fällig. Laut Welthandelsorganisation WTO erhebt die Schweiz mit 24,8 Prozent die höchsten Agrarzölle der OECD-Staaten. Das macht Lebensmittel teuer. Zugleich sinkt der Selbstversorgungsgrad der Schweiz, von 57 Prozent im Jahr 2011 auf 46 Prozent im 2022, bei rein pflanzlichen Nahrungsmitteln liegt er bei nur 37 Prozent. Schweizer Schokoladenhersteller zum Beispiel müssen Zucker und Milch aus der EU einführen und hohe Zölle abführen, inzwischen stammen 40 Prozent der in der Schweiz verkauften Schokolade aus dem Ausland. Im Jahr 2020 waren es lediglich 20 Prozent. Die Fleischpreise sind die höchsten in Europa.
Ein "starker Wettbewerbsdruck"
Diese Situation hat zuletzt den Preiskampf innerhalb des Schweizer Lebensmittelhandels verschärft. Der Markt sei "geprägt von intensivem Preiswettbewerb bei Discountern und Supermärkten", resümiert das Marktforschungsinstitut NIQ. Es herrsche ein "starker Wettbewerbsdruck", hält auch der Einzelhandelsverband SRF fest, angetrieben nicht zuletzt durch den Markteintritt der beiden deutschen Discounter Aldi und Lidl vor rund 20 Jahren.
Noch halten freilich die beiden Genossenschaften Migros und Coop mit 78 Prozent Marktanteil die Spitze. Zwar nahm seit 2010 zum Beispiel der Marktanteil von Migros von 40,5 Prozent auf 35,6 Prozent im Jahr 2023 ab, auch Coop verlor in diesem Zeitraum leicht (34,8 auf 33,3), zugleich aber legte der Migros-Discounter Denner leicht auf 9 Prozent zu. Aldi verdoppelte seit 2010 seine Position, aber die Entwicklung stagnierte zuletzt ebenso wie bei Lidl bei rund 6 Prozent (Aldi) und 7 Prozent (Lidl; leicht wachsend) Marktanteil.
Nach Beobachtungen der Marktforscher von NIQ reagiert der Handel aktuell mit zwei Preisstrategien auf diese Entwicklung: Aldi senkt die Preise ganz allgemein und dauerhaft, Migros dagegen punktuell. Der neue Migros-Chef hat angekündigt, für 1000 Produkte des täglichen Bedarfs den Preis auf Aldi-Niveau zu senken, und will hierfür zurück zu mehr Eigenmarken. Außerdem will Migros, das zwischen 2000 und 2022 ein Viertel ihrer Läden geschlossen hat, wieder enger an die Kunden ranrücken und das Filialnetz von zuletzt 790 auf 930 Verkaufsstellen ausweiten. Coops Filialnetz war Ende 2024 mit 970 Supermärkten dichter geknüpft, soll aber ebenfalls wachsen. Parallel hat auch Nicholas Pennanen, der Chef von Lidl Schweiz, im "Blick"-Interview angekündigt, Lidl werde das Filialnetz in den kommenden zehn Jahren von derzeit 190 auf 300 erweitern. Im laufenden Geschäftsjahr habe der Umsatz im zweistelligen Bereich zugelegt und Lidl wolle weiter investieren. "Wir haben unseren Kunden versprochen, stets den günstigsten Warenkorb anzubieten."
Preiskampf der Supermärkte: Wie Migros, Coop und Discounter in der Schweiz um Kunden buhlen
