UNTERM STRICH: Bingo, ein Flamingo

Niklas Arnegger

Von Niklas Arnegger

Di, 30. März 2021

Unterm Strich

In Hamm wurde einer der rosa Vögel gestohlen / Von Niklas Arnegger.

Christian Morgenstern hat den Möwen überzeugend bescheinigt, sie sähen "alle aus, als ob sie Emma hießen". Den Flamingo zu bedichten, hat er vorsichtshalber dem gewohnt unerschrocken dem Kitsch ins Auge blickenden Rilke überlassen (" ... ihres Auge Bleiche hinhalsend bergen in der eignen Weiche ... Auf einmal kreischt ein Neid durch die Volière; sie aber haben sich erstaunt gestreckt und schreiten einzeln ins Imaginäre."). Tatsächlich ist der Flamingo prächtig anzuschauen, hinterlässt allerdings auch einen leicht dandyhaft-degeneriert-bescheuerten Eindruck. Doch eines muss man ihm lassen: Kein anderes Tier vermag derart ausdauernd auf einem Bein zu stehen, kaum eines auch kriegt die prinzessinnenhafte Rosafärbung so gelungen hin wie die von der Wissenschaft so genannten Phoenicopteridae.

Dies erklärt manches, aber nicht unbedingt, warum der Flamingo seit einigen Jahren als überall zu sehende Badeinsel herhalten muss. Zuvor hatte man sich ja mit einer Luftmatratze oder einem Schlauchboot begnügt. Nun ja. Rätselhaft.

Manche Leute lassen zwecks Aufblähung ihres Egos so ein Tier sogar in ihrem Park herumstolzieren. Denn der Mensch, der schon alles hat, wünscht sich auch einen zu ihm passenden Angebervogel. Womöglich wird das unwürdige Schicksal als Parkvogel auch dem Flamingoweibchen blühen, das am Wochenende aus dem Tierpark Hamm gestohlen wurde. Dessen Geschäftsführer taxierte gestern den Markwert des mehr als 30 Jahre alten Tieres auf 3500 Euro, und er rechne nicht damit, das Tier zurückbekommen. Man überlege sogar, die Flamingogruppe – nur vier Vögel sind noch da – ganz aufzulösen.

Für den Preis von 3500 Euro bekäme man übrigens auch vier Rassehunde oder 7000 Guppys, Tiere allerdings, die den Markwert der Besitzer – wenn überhaupt – nur unwesentlich zu steigern imstande sind. Da ist der Flamingo eine ganz andere Nummer. Oder, wie das wahrscheinlich kürzeste Flamingogedicht der Literaturgeschichte sagt: Bingo, ein Flamingo.