UNTERM STRICH: Dann doch lieber Online-Skat

Sonja Zellmann

Von Sonja Zellmann

Do, 05. Mai 2022

Kolumnen (Sonstige)

In Tokio gibt es ein Café für Leute mit Deadline-Problemen / Von Sonja Zellmann.

Manche Menschen sind einfach top organisiert. Disziplin ist ihr zweiter Vorname, To-do-Listen sind in ihren Augen etwas für Anfänger. Sie haben natürlich stets im Kopf, was wann zu tun ist. Sie sind nie zu spät, kriegen alles entspannt und rechtzeitig geschafft und haben sogar noch Zeit für ein Gläschen Prosecco, bevor die Gäste eintrudeln.

Und dann gibt es die anderen. Zweiter Vorname? Prokrastinationsmeister/in. Ein Text muss fertig werden? Die Fenster gehören geputzt? Die Deadline für die Präsentation rückt bedrohlich nahe? Ja, schon, aber warum nicht erst noch einen Kaffee mit der Kollegin trinken? Oder eine schnelle Runde Online-Skat spielen? Und dann nochmal die Mails checken. Da gibt es bestimmt was, das schnell und ohne viel Hirnschmalz erledigt werden kann – aber eigentlich komplett unwichtig ist. Und was war überhaupt in der letzten halben Stunde auf dem Handy los?

Besondere Prokrastinationsgefahr besteht bei freiberuflichen Kreativen – zumindest hat das ein Schriftsteller aus Tokio so ausgemacht. Er hat daher ein "Manuskript-Schreib-Café" für Autoren, Werbetexter, Manga-Zeichner und Co. eröffnet, wie jüngst in der Berliner Zeitung zu lesen war. Die Gäste dürfen demnach das Lokal erst wieder verlassen, wenn ihre Arbeit fertig ist. Am Eingang geben sie ihr Ziel an und die Zeit, in der sie es erreicht haben sollten. Das strenge Personal achtet dann penibel darauf, dass das auch klappt. Wie häufig es den Fortschritt der Gäste kontrolliert, können diese selbst entscheiden. Drei Möglichkeiten stehen zur Auswahl: 1. Das Café-Personal ist dauerhaft präsent (Stress lass nach...). 2. Es fragt stündlich nach dem Erledigten. 3. Es erinnert erst kurz vor Ablauf der Zeit an den Abgabetermin. Was mit jenen passiert, die die Deadline dennoch nicht schaffen, ist nicht bekannt. Kerker?

Das klingt doch eher nach neumodischem Arbeitslager als nach produktiver Kreativität. Dann doch lieber weiter prokrastinieren. Am Ende hat bisher ja doch alles immer noch irgendwie hingehauen.