Unverkrampft und mit Humor

Babette Staiger

Von Babette Staiger

Mo, 27. Mai 2019

Lahr

Wladimir Kaminer testet Unveröffentlichtes im Schlachthof / Eine Mehrgenerationenstudie.

LAHR. "Ich fühle mich hier in Lahr einfach wirklich zu Hause", sagt Wladimir Kaminer am Ende des inzwischen zum Klassiker gewordenen Abends der Reihe "Orte für Worte". Erst darf herzlich über minutiös aufgebaute Pointen gelacht und dann ausgiebig zur Kaminers selbst aufgelegten "Russendisko" getanzt werden. Dass der Abend mit dem Autor, dessen russische Wurzeln den besonderen Blick seiner Werke auf Familie und Gesellschaft ausmachen, auch diesmal ausverkauft war, liegt sicher an seinem nie müde werdenden Humor und auch an seinem unverkrampften, ja fast familiär wirkenden Vortragsstil.

Offensichtlich ist Lahr, mit seinem Publikum, das an diesem Freitagabend zum Teil nicht nur aus Spätaussiedlern besteht, der Ort, an dem Kaminer sich traut, die Wirkung neuer Texte zu testen. Und womit kommt er nach dem Klassiker Russendisko, netten Geschichten über seine Mutter oder auch seinem Blick auf Migration und Massentourismus nach Lahr? Kaminer changiert zwischen der Beobachtung "gesellschaftlich relevanter Themen" und dem Versuch, drei Generationen einer Spätaussiedlerfamilie (seiner eigenen), unter einen literarischen Hut zu bringen. Dass es noch kein Ganzes ist, was sich da auf den Manuskriptblättern abzeichnet, macht nichts, denn Kaminers Mehrgenerationenstudien sind vor allem urkomisch und damit unterhaltend.

Beste Kostprobe ist sein Versuch, das Märchen Rotkäppchen als metaphorische Klammer dafür zu benutzen, was nicht mehr so richtig zusammenpassen will: Lebensstile und Auffassungen von Großmutter und Enkelin. Die dürfen bei Omas Geburtstagskaffee dann als Gegensätze aufeinanderprallen, wobei Omas Main-Coon-Katze Vassiliska den Part des schrecklichen Wolfes übernimmt. Er sehe sich selbst zwischen zwei Generationen, sagt Kaminer. Auf der einen Seite: Seine inzwischen 87-jährige Mutter, die mit 60 aus der Sowjetunion ausreiste und auch jetzt noch alles Mögliche tun wolle, aber nicht mehr so richtig könne.

Auf der anderen seine 23-jährige Tochter Nicole, die irgendein modernes Studium, zwischen Ethnologie und Genderstudies betreibt. Die Generation, die alles könnte, aber nicht unbedingt will. "Über diese Diskrepanz will ich schreiben." Wenn sich dabei Rotkäppchen die Haare blaugrün färbt, mit Judith Butlers radikaler Gender-Theorie ein russisches Familienessen analysiert und Großmutters ehemalige Englisch-VHS-Gruppe zur Kulturbande wird, die Eintrittskarten für die Berliner Philharmonie wie Schmuggelzigaretten weitervertickt, dann möchte man unbedingt bald das fertige Buch in der Hand halten.

Dass Kaminer befürchtet, die gegensätzlichen Weltauffassungen dieser beiden Generationen könnten uns um die Ohren fliegen, deutet er am Ende an: "Egal wie liberal und demokratisch sich meine Mutter gibt, beim Wahlomat kommt für sie immer irgendetwas Rechtes raus. Und meine Tochter habe ich an die Linke verloren."

Deshalb stößt er tapfer mit seinem Publikum "auf ein gartenfreundliches Jahr 2019 und ein menschenfreundliches Europa" an, wofür er großen Applaus erntet.