Studie der Uni Basel

Viele Kritiker der Corona-Politik sind Akademiker

Jonas Hirt

Von Jonas Hirt

Mi, 23. Dezember 2020 um 07:28 Uhr

Basel

Welche Überzeugungen haben Menschen, die gegen die Corona-Maßnahmen demonstrieren? Die Uni Basel beleuchtet die Sozialstruktur der Proteste. In einer Studie gibt es die ersten Ergebnisse.

Welche Motivation, welche Werte und welche Überzeugungen haben Menschen, die gegen die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus demonstrieren und wo sind sie gesellschaftlich verortet? Ein Basler Forschungsprojekt um den deutschen Soziologen Oliver Nachtwey untersucht den Hintergrund der Protestler.

Eine erste Veröffentlichung, die noch keine repräsentativen Ergebnisse liefert, basiert vor allem auf der Auswertung einer Online-Befragung über Telegram-Kanäle. Das Forschungsprojekt "Politische Soziologie der Corona-Proteste" kommt laut einer Mitteilung der Uni Basel zu dem Schluss, dass die Bewegung intern sehr heterogen sei, aber nach rechts offen und vom politischen System stark entfremdet.

60 Prozent der Befragten sind Frauen

Auffallend ist, dass es sich bei den Protestlern oft um gebildete Anhänger der Mittelschicht handelt. Von den 1150 Menschen, die an der Studie teilnahmen, sind laut der Studie 60 Prozent weiblich, das Durchschnittsalter der Befragten beträgt 47 Jahre, 34 Prozent haben ein abgeschlossenes Studium, weitere 31 Prozent Abitur. Das sind Werte, die sowohl in der Schweiz als auch in Deutschland über dem Durchschnitt liegen.

Unter den Befragten befinden sich 806 Deutsche – weiter wird in der Studie nicht regionalisiert. Ein Teil basiert zwar auch auf Beobachtungen bei Protesten. Diese fanden in Leipzig und Konstanz statt. Eins zu eins von der Studie auf die Proteste im Kreis Lörrach zu schließen, ist also nicht möglich.

Ein Großteil der Befragten will die Alternativmedizin der Schulmedizin gleichstellen

Dennoch decken sich die Erkenntnisse der breit angelegten Studie mit Recherchen der Badischen Zeitung. So zeigte sich einerseits, dass im Kreis Lörrach das Protestgeschehen sehr unübersichtlich ist – das gilt vor allem für die Stadt Lörrach selbst. Andererseits gibt es in Schopfheim eine Verbindung der Protestorganisatoren in das anthroposophische Milieu.

Ein Großteil der Befragten will die Alternativmedizin der Schulmedizin gleichstellen, zurück zur Natur und stärker auf ganzheitliches und spirituelles Denken setzen. Fast alle Befragten glauben, dass die Gefahr besteht, dass die Regierung einen Impfzwang oder einen Immunitätsausweis einführe.

"Allerdings handelt es sich klar um eine Bewegung, die nach rechts offen ist und über beträchtliches Radikalisierungspotenzial verfügt." Aus der Studie

Die Studie stellt bei den Teilnehmern zudem einen Hang zum Antisemitismus fest. Das sei keine Überraschung, da bei der Bewegung eine Anlage zum verschwörungstheoretischen Denken bestehe, welches häufig antisemitische Züge aufweist. Insgesamt sind die Teilnehmer aber weder ausgesprochen fremden- noch islamfeindlich, teilweise sogar eher antiautoritär. "Allerdings handelt es sich klar um eine Bewegung, die nach rechts offen ist und über beträchtliches Radikalisierungspotenzial verfügt."Die Studie kommt zu dem Schluss, dass sich der Protest von Kerninstitutionen der liberalen Demokratie entfremdet habe. Einzig das Justizsystem genieße noch eine "schmale Vertrauensbasis".

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