Vor 175 Jahren war Singen Alibi

Silke Hartenstein

Von Silke Hartenstein

Sa, 22. Juni 2019

Efringen-Kirchen

Der alte Gesangverein Egringen ist gleichzeitig ein junger Verein.

EGRINGEN. 175 Jahre ist ein stolzes Alter. So lange schon besteht der Gesangverein Egringen, der sein Jubiläum über das ganze Jahr hinweg feiert. Das nächste Fest steigt am Samstag, 29. Juni. Dann tritt der gemischte Chor bei seinem Sommerkonzert im Schopf der Familie Aberer im Reinacher Weg auf, dazu kommen die Gastchöre Liederkranz Holzen, Gesangverein Mappach und der Männerch

or Vogelbach-Malsburg.

Der 1844 gegründete Gesangverein gehört zu den ältesten Chören Südbadens. Dennoch ist er ein bemerkenswert junger Verein. Wie der Vorsitzende Dieter Hagin sagt, beträgt das Durchschnittsalter der 34 Aktiven im gemischten Chor unter Birgit Lehmanns Leitung gerade mal 44 Jahre. Dazu kommen die zwölf jungen Sänger des Kinderchors unter Birte Niemanns Leitung. Und auch die zwölf Damen vom Jazzchor Scat‘n Types, geleitet von Henri Uebel, dürften noch etliche Jahre vom Rentenalter trennen. Wie schafft es ein Gesangverein in einem rund 800 Einwohner zählenden Dorf mit reger Vereinslandschaft, so viele Mitglieder an sich zu binden? "Man muss eine gesunde Mischung für Alle finden und die Jungen bei Allem einbeziehen", sagt Hagin nüchtern. So werde im gemischten Chor mit seinen Sängern im Alter von 24 bis 80 Jahren ein Teil des Repertoires per Abstimmung ausgesucht. Und wenn ein Chorsänger ein Lied vorschlägt, schaut die Chorleiterin nach, ob es dafür ein passendes Arrangement gibt.

Eines stellt Hagin, Vorsitzender seit 19 Jahren, klar: "Die Jüngeren wollen nicht nur moderne Lieder singen." Den Beweis liefert der Chor im Januar 2020 beim gemeinsamen Konzert mit den beiden anderen großen Jubiläumsvereinen der Gemeinde, dem Sängerbund (175 Jahre) und Musikverein Efringen-Kirchen (100), mit Liedern aus Carl Orffs "Carmina burana" und dem Gefangenenchor aus Verdis "Nabucco". Beim kommenden Sommerkonzert allerdings gibt es fröhliche Popsongs und Hits.

Die Geschichte der "Egringer Sängerschar"

Am 23. Juni 1844 wurde der Gesangverein unter dem Namen Egringer Sängerschar gegründet. Der erste Dirigent Johann Martin Lehmann übergab bald den Taktstock an Michael Jost – und Jost, der als "Sängervater" in die Vereinsgeschichte einging, gründete und leitete nach und nach weitere Gesangvereine in der Nachbarschaft. Dass dies in der Zeit kurz vor der Badischen Revolution 1848 geschah, hatte einen politischen Hintergrund: Da Versammlungen wegen ihres umstürzlerischen Risikos verboten waren, gaben Singstunden ein gutes Alibi für Zusammenkünfte – kam ein Spitzel dazu, schwenkte man einfach um vom riskanten Politisieren in harmlosen Gesang. Daran erinnerte auch Efringen-Kirchens Bürgermeister Philipp Schmid bei der Vereins-Matinee im März: "Die moderne Demokratie hat in den Vereinen und den Turnerschaften ihren Ursprung – ohne ihren Einfluss ist das moderne Deutschland nicht denkbar."

Mit oder ohne Politisieren blieb der Chor, seit 1880 unter dem Namen "Gesangverein Egringen", auch in schweren Zeiten dem Gesang in Gemeinschaft treu – und während der beiden Weltkriege sangen die wenigen Daheimgebliebenen bei Trauerfeiern. Dafür, dass es 1919 und 1946 weiter ging, sorgte "Sängervater" Adolf Aberer. Nachfahren beider Sängerväter singen übrigens bis heute im Chor.

1968 wurde aus dem Männerchor ein gemischter Chor. 1972 folgte die Gründung des Kinderchores, dem in Spitzenzeiten 50 Kinder angehörten und der es sogar ins Fernsehen schaffte. In den letzten Jahren begeisterten Kinderchor und die Musical-Kinder des Gesangvereins Wittlingen mit gemeinsamen Musicalaufführungen. Jüngstes "Kind" des Gesangvereins ist der 1990 gegründete Jazzchor Scat’n Types.

Über den Gesang hinaus umrahmt der Verein etliche Stationen im Jahreslauf und veranstaltete seit über 30 Jahren das Erntedankfest mit viel Musik. "Es ist ein gutes Miteinander im Verein", findet Hagin. Und auch das Miteinander mit anderen Vereinen im Dorf stimmt – so packen beim Sommerkonzert des Gesangvereins nächste Woche auch Mitglieder der Landjugend und des Musikvereins mit an.