Beruf und Karriere

Online-Vorstellungsgespräche sind keine Seltenheit mehr

Christian Schulz

Von Christian Schulz (dpa)

So, 16. August 2020 um 15:22 Uhr

Beruf & Karriere

Die Corona-Pandemie brachte nicht nur Kurzarbeit. Viele Firmen suchten auch in dieser Zeit händeringend Fachkräfte und mussten angesichts von Kontaktbeschränkungen ihre Methoden ändern.

Es war schon alles geplant. Montags wollte die Deutsche Bahn an einem Tag des Quereinstiegs Interessenten in einem Sonderzug von Frankfurt über Groß-Krotzenburg nach Fulda fahren. Auf der Tour sollten sie für Jobs wie Fahrdienstleiter, Zugbegleiter oder Lokführer begeistert werden. Die Corona-Krise kam dazwischen, Bahn-Personaler in der Region Mitte, die Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland umfasst, mussten kurzerhand umplanen. Nur drei Tage später stellten sie einen virtuellen Tag auf die Beine; ein Beispiel, wie die Pandemie die Suche nach Personal verändert.

Für den virtuellen Quereinsteigertag der Bahn wurden unter anderem Videos gedreht, wie Florian Brech sagt. Er war einst selbst Lokführer und ist nun Teil der Personalgewinnung der Bahn. Um auch virtuell etwa einen Eindruck von einem Stellwerk und der Tätigkeit eines Fahrdienstleiters zu bekommen, drehten die Bahner einen Film über das Eisenbahnbetriebsfeld in Darmstadt, einer Anlage, in der der tägliche Bahnbetrieb in Miniatur simuliert wird.

Auch der Chemieriese BASF hat seine Prozesse angepasst und verstärkt digitalisiert. Bewerbungsgespräche auch in der Ausbildung seien derzeit rein virtuell, teilt der Konzern mit. Es laufen auch Planungen, wie anstelle abgesagter Jobmessen Online-Veranstaltungen oder Webinare gestaltet werden können.

Die Leiterin für die Rekrutierung von Auszubildenden am Heimatstandort Ludwigshafen sagt, der geplante Girls-Day am 26. März sei diesmal komplett online abgelaufen. "Interessierte Mädchen konnten an dem Girls-Webinar teilnehmen und unseren Azubis, die derzeit auch im Homeoffice sind, alle Fragen rund um die Ausbildung bei BASF am Standort Ludwigshafen und zu Berufen im Bereich Produktion und Technik stellen."

Auch die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) in Berlin befindet, digitale Bewerbungsprozesse würden verstärkt genutzt. Konkrete Zahlen lägen aber noch nicht vor. "Natürlich stellt Corona unsere Arbeitswelt an vielen Ecken auf den Kopf. Das Recruiting von neuen Mitarbeitenden ist davon nicht ausgenommen." Zu beachten seien für die Unternehmen in der Krise die verschiedenen Einschränkungen auf Bundes- und Landesebene.

Bei der Deutschen Bahn liefen die Gespräche am virtuellen Tag des Quereinstiegs in Gruppen und einzeln über eine bekannte Chat- und Besprechungsplattform. "Man muss sich erstmal umstellen - auch die Bewerber", sagt der Personaler Brech. Viele hätten vorab mit solchen Plattformen wenig bis gar nichts zu tun gehabt, es seien Anleitungen verschickt worden. Auch das Kennenlernen aus der Distanz sei für alle eine neue Erfahrung. Immerhin bis zu 40 Teilnehmer seien es in den Onlinebesprechungen gewesen. "Wir führen mittlerweile jedes Bewerbergespräch digital", sagt DB-Mann Brech.

Solche Formate sind aber keine Selbstläufer, gibt der Bundesverband der Personalmanager zu bedenken. Personaler sollten keinesfalls davon ausgehen, dass bei der Mitarbeitergewinnung alles wie bisher laufe, nur eben mit Videokonferenz. "Diese Denke greift zu kurz. Wer plötzlich neue Mitarbeiter nur noch per Video rekrutieren kann, muss auf viel mehr Aspekte achten, als wenn der Bewerber auf der anderen Seite des Tisches sitzt", sagt Präsidiumsmitglied Yasmin Kurzhals.

Von Anfang an Teamgeist erzeugen

Es sei wichtig, von Anfang an ein Gemeinschafts- oder Teamgefühl zu erzeugen, sagt sie. Das gehe etwa, indem Bewerbern eine virtuelle Tour durch die Firma gezeigt oder ein Chat mit künftigen Kollegen ermöglicht werde. "Aber auch der offene Umgang mit den Ängsten und Unsicherheiten des Bewerbers ist auf Distanz oft erfolgsentscheidend." Gerade im virtuellen Umfeld brauche es oft mehr Kommunikation durch den Personaler, um auf die Gefühlslage des Bewerbers einzugehen "und ihm stärker als Mensch hinter dem Arbeitgeber zu begegnen", erklärt Kurzhals.

Die Bahn betont trotz aller virtuellen Lösungen, der persönliche Kontakt werde wichtig bleiben und nie ganz wegfallen. Dennoch kann sich Brech vorstellen, dass nach der Corona-Krise mehr digital läuft als zuvor. "Wir haben Bewerber aus ganz Deutschland, da könnten sich zum Beispiel welche aus Dresden in Zukunft die weite Anfahrt sparen." Das Coronavirus könne ein Beschleuniger für die Digitalisierung der Personalgewinnung sein, "weil wir jetzt müssen".



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