Kraftvoll sozial handeln

Helmut Rothermel

Von Helmut Rothermel

Di, 23. Juli 2019

Waldkirch

Arbeiterwohlfahrt Waldkirch feiert das 100-jährige Bestehen der Selbsthilfeorganisation.

WALDKIRCH. Im Dezember 1919, gut ein Jahr nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und in einer Zeit großen sozialen Elends, gründete Marie Juchacz die AWO als Hauptausschuss für Arbeiterwohlfahrt in der SPD. Das war jetzt Anlass für ein AWO-Fest in der Allee.

Von einer Selbsthilfeorganisation der Arbeiterschaft entwickelte sich die AWO zu einer Hilfsorganisation für alle Bedürftigen. Sie setzte sich von Anfang an für eine sozial gerechte Gesellschaft ein, in der Hilfesuchende keine Bittsteller, sondern Bürger mit Rechtsansprüchen sind. Heute ist die AWO einer der großen deutschen Wohlfahrtsverbände und dabei parteipolitisch und konfessionell unabhängig. Mit ihren Angeboten möchte sie Hilfe zur Selbsthilfe leisten. Obwohl inzwischen viele soziale Fortschritte erreicht wurden, sei die AWO heute genau so nötig wie eh und je – das war der einstimmige Tenor der Redebeiträge bei der Festveranstaltung in der Schlettstadtallee.

Für das Bündnis Halt!Zusammen und die Waldkircher SPD sprach deren Vorsitzender Michael Stoltenburg. Auf der Grundlage einer klaren sozialpolitischen Kursbestimmung wolle die SPD die Zusammenarbeit mit der AWO stärken und ausbauen. Humanität dürfe auch vor Geflüchteten nicht haltmachen, weshalb er sich freue, dass die AWO aktiver Teil des Waldkircher Bündnisses Halt!Zusammen ist. Oberbürgermeister Roman Götzmann gratulierte im Namen der Stadt und hob besonders hervor, dass der Verband ein unverzichtbarer Ort der Gemeinschaft sei. Der Bundestagsabgeordnete Peter Weiß (CDU) sprach das Thema Pflege an und forderte eine gerechte Entlohnung der Pflegekräfte. Sein Kollege Johannes Fechner (SPD) ermunterte den Verband, das konstruktive und kritische, immer mit hoher Kompetenz verbundene Gespräch mit der Politik aufrechtzuerhalten.

Die Landtagsabgeordnete Sabine Wölfle (SPD) erinnerte an die sozialpolitische Rolle der AWO in Waldkirch, wo der Verband die erste örtliche Ganztageskinderstätte "Windmühle" einrichtete. Ursula Querfurth sprach für den Stadtseniorenrat. Sie wolle keinen Rückblick, sondern einen Vorausblick auf die nächsten 100 Jahre AWO wagen. Dann werde es unter anderem hoffentlich viel mehr Seniorenwohngemeinschaften als heute geben und die Wohnungen auch bezahlbar sein.

Hauptredner der Veranstaltung war Wilfried Pfeiffer, der Vorsitzende des AWO-Bezirksverbands Baden. Er würdigte die Lebensleistung der Verbandsgründerin Marie Juchacz (1879-1956), die 1919 als erste Frau eine Rede in der Weimarer Nationalversammlung hielt und den Verband in der Weimarer Zeit erfolgreich führte und ausbaute. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme musste sie emigrieren, kehrte aber 1949 aus den USA nach Deutschland zurück und wurde später Ehrenvorsitzende der AWO. 1945 hatte sie die "Arbeiterwohlfahrt USA – Hilfe für die Opfer des Nationalsozialismus" gegründet, die nach Ende des Krieges mit Care-Paketsendungen nach Deutschland Hilfe leistete. Von den vielen heutigen Aktivitäten und Einrichtungen der AWO hob Pfeiffer als ein Leuchtturmprojekt die Nachsorgeeinrichtung für krebskranke Kinder und Jugendliche "Katharinenhöhe" bei Furtwangen hervor. Die Einrichtung habe eine lange Vorgeschichte, denn die Arbeiterwohlfahrt richtete nach dem Ersten Weltkrieg dort das erste Kindererholungszentrum unter ärztlicher Leitung ein.

Musikalisch umrahmt wurde die Veranstaltung in der Schlettstadtallee vom Ensemble Rosentrio mit Eva Meyer, Ella Friedrich und Julius Mahni unter der Leitung von Katja Schill-Mahni sowie der Percussion-Gruppe der Musikschule Waldkirch unter Leitung von Victoria Ifrim. Nachmittags gab es ein großes Kinder- und Familienprogramm mit Verkleidung, Schminken, Spielen und Mitmach-Liedern. Abends spielten dann die "Bächlesörfer" aus Freiburg zum Tanz auf.