Kraft der Kräuter

Warum die traditionelle Gründonnerstagssuppe Gesundheit und Wohlstand bringt

Philippe Thines

Von Philippe Thines

Mi, 13. April 2022 um 20:00 Uhr

Gastronomie

Jedes Jahr fiebert die Löffinger Kräuterexpertin Gisela Schreiber diesem traditionellen Gericht in der Karwoche entgegen. Einer seiner Hauptbestandteile sind Brennnesseln – die Heilpflanze 2022.

Die Fastenzeit und hier vor allem die Karwoche hat eine besondere Magie für die Löffinger Kräuterexpertin Gisela Schreiber. "Der Winter zieht sich zurück und die ersten Pflanzen und Kräuter stehen frisch zur Verfügung. Jedes Jahr fiebere ich der traditionellen Gründonnerstagsuppe entgegen. Aus neun Kräutern soll sie bestehen und jedem, der sie isst, Gesundheit und Wohlstand bringen."

Die Brennnessel ist ein Tausendsassa

Nicht immer ist es so leicht wie dieses Jahr, die Zutaten zu finden. Die vergangenen warmen Tage und die späte Osterzeit helfen, vor allem für die Zutat, die nicht fehlen darf: die Brennnessel. Ruft man sich ins Gedächtnis, dass unsere Vorfahren keine Lebensmittel im Überfluss hatten, dann war der Winterausklang geprägt durch zu Neige gehenden Vorräte und Vitaminmangelerscheinungen, wie Rachitis und Skorbut. Den Menschen von einst musste es wie ein Geschenk erscheinen, die Natur sprießen zu sehen. "Unsere vorchristlichen Ahnen sahen darin ein Wunder, das die Frühjahrsgöttin vollbrachte. Und sie ehrten sie mit einem Fest, dessen fester Bestandteil die Kräutersuppe Grüne Neune war." Dieser Ritus ging in die christlichen Osterbräuche über und läutet seither das Ende der Fastenzeit ein.

"Aber die Brennnessel kann noch deutlich mehr", weiß die Kräuterexpertin. "Sie strotz vor Vitamin C. Als früh austreibendes Kraut zu Zeiten unserer Ahnen also bestens geeignet, den Mangel, der sich über den Winter ergeben hatte, auszugleichen. Zusätzlich wirkt Brennnesselsaft als Frühjahrskur auf den Stoffwechsel anregend. Damit werden die Zellversorgung optimiert und Abfallstoffe schneller ausgeschieden." Diesem Effekt lässt sich auch die Anwendung bei Rheuma und Gicht sowie Hautkrankheiten zuschreiben. Und durch ihre blutbildende Wirkung hilft sie, Erschöpfungszustände auszugleichen. "Die Brennnessel begleitet den Menschen auf Schritt und Tritt bis in den Herbst, kein Wunder also, dass sie seit der Antike zu den beliebtesten volksmedizinischen Heilpflanzen zählt. Die Anwendung der Samen als Aphrodisiakum ist überholt, aber nur wenige wissen, dass der aus den Wurzeln gewonnene Wirkstoff ß-Sisteron in Fertigarzneimitteln erfolgreich zur Behandlung gutartiger Prostatavergrößerungen eingesetzt wird. Geläufiger ist die Verwendung eines alkoholischen Auszugs als Haarwasser oder der Samen als Powerfood", erklärt die Kräuterexpertin.

Wer die gelben Wurzeln schon einmal gesehen hat, kann gut nachvollziehen, dass sich ein frischen Sud daraus hervorragend eignet, Wolle aber auch Ostereier goldgelb zu färben. "Und dank der fasrigen Pflanzenstruktur lassen sich aus ihr auch Seile und der robuste Nesselstoff herstellen." Auch im ökologischen Gartenbau sind die Brennnesseln nicht nur ein Biotop für zahlreiche Insekten, sondern auch ein wertvoller Ablageort für Schmetterlingseier und die Pflanzen finden Verwendung als Düngerveredler und gegen Blattläuse.

Die Brennnessel: Ein Tausendsassa, der es wahrlich verdient hat, den Titel Heilpflanze 2022 zu tragen.
Gründonnerstagsuppe



Zutaten:
eine Handvoll Brennnesselblätter/-kraut, zwei Handvoll mit acht verschieden Frühlingskräutern (derzeit finden sich Vogelmiere, Löwenzahn, Spitz- und Breitwegerich, Gundermann, Giersch, Gänseblümchen, wilder Ranunkel, Frauenmantel, Sauerampfer), eine Zwiebel, drei Esslöffel Butter, zwei Kartoffeln, eineinhalb Liter Gemüsebrühe, ein Eigelb, ein Achtelliter Sahne, etwas Mehl, Muskat, Salz und Pfeffer

Zubereitung: Zwiebel und Kartoffeln schälen und klein würfeln. Butter in einem Topf zerlassen, Zwiebelwürfel glasig dünsten, mit Mehl anschwitzen. Kartoffelwürfel zugeben und alles leicht salzen. Mit der Gemüsebrühe ablöschen und köcheln, bis die Kartoffeln weich sind. Vom Feuer nehmen und die Kräuter zugeben. Einige Minuten bei geschlossenem Deckel nur ziehen lassen, damit die jungen Kräuter ihre Vitamine nicht verlieren. Alles pürieren. Sahne und Eigelb vermischen und die Suppe abbinden. Anschließend nochmals vorsichtig kurz erhitzen und mit Muskat, Salz und Pfeffer abschmecken.