Gegen Frühjahrsmüdigkeit

Löwenzahn, der Tausendsassa der Kräuterküche

Katja Rußhardt

Von Katja Rußhardt

So, 24. März 2019 um 14:29 Uhr

Gastronomie

Der Sonntag Bettseicher oder Ginseng des Westens: Der Löwenzahn hat viele Namen. Von der Wurzel bis zur Blüte ist die Heilpflanze eine Delikatesse – und steckt voller entgiftender Stoffe.

Ein hartgekochtes Ei, lauwarme Kartoffeln und ein wenig Senf: Das bekommt man fast überall zu hören, wenn von den idealen Partnern des Löwenzahns die Rede ist. Mit seinen langen, gezackten Blättern inklusive Wurzel liegt er zurzeit sogar im Gemüseregal von Discountern. Meist stammt die Delikatesse aus Frankreich, wo sie abgedeckt kultiviert wird, damit sie blassgelb bleibt, was eine mäßige bittere Note und leichte Süße garantiert. Für einen klassischen französischen Löwenzahn-Salat werden Speckwürfelchen angebraten und mit dem austretenden warmen Fett sowie in der Pfanne erwärmtem Weißweinessig dem in mundgerechte Stücke zerteilten Löwenzahn zugeführt. Bekannt ist diese Spezialität unter dem vielsagenden Namen Salade de Pissenlits – von "pisse au lit", zu deutsch "ins Bett pinkeln".

Dies verweist darauf, dass der zur Familie der Korbblütler gehörende Löwenzahn entwässernd und abführend wirkt. Auch sein botanischer Name Taraxacum, der bereits im 11. Jahrhundert im Canon medicinae des persischen Arztes Avicenna erwähnt wurde, deutet wohl auf diese Eigenschaften hin: Tarak und sahha kann mit "pissen lassen" übersetzt werden.

Auch Nicole Kaiser, Wildpflanzenexpertin aus Waldkirch, kennt die schon früh vielseitig verwendete Heilpflanze als "Bettseicher". Tatsächlich regten ihre Bitterstoffe Niere und Darmtrakt dazu an, Giftstoffe auszuscheiden. "Sie stärken aber auch Leber, Milz und Galle", sagt Kaiser. Löwenzahn wirke nicht nur nachweislich gegen Frühjahrsmüdigkeit, sondern sei in vielerlei Hinsicht ein Verwandlungskünstler. "Ähnlich wie die Brennnessel holt er auch aus überdüngten Böden Giftstoffe und wandelt sie in gesunde Vitalstoffe um", erklärt sie. Wenn dann im Herbst die knallgelben Blüten den luftigen Pusteblumen Platz machen, sei das ein besonderer optischer Reiz.

Ein Anbau unter Plastikplane kommt für Nicole Kaiser nicht infrage, gibt es Löwenzahn jetzt doch überall draußen auf den Wiesen und als Unkraut auch in den meisten Hausgärten. Für einen lauwarmen Kartoffelsalat, Kräuterquark oder zum Garnieren einer frisch gebackenen Pizza verwendet sie die zarten Blätter aus dem Inneren der Blattrosette. Für ein Pesto mischt sie Bärlauch, Gundermann, gemahlene und geröstete Sonnenblumenkerne, Olivenöl und etwas Zitronensaft. Schon beim Sammeln knabbere sie die knackigen zarten Blättchen und kleinen runden Knospen innerhalb der Kelchblätter, sagt Nicole Kaiser. "Man kann sie in Öl dünsten und mit Salz, Pfeffer und Zitronensaft über alle möglichen Gerichte streuen", rät sie und schwärmt vom Duft der gelben Blüten. Vor der Ernte solle man unbedingt hineinschnuppern, denn der Nektar rieche wie Honig und schmecke auch so.

Einen honigartigen Sirup für Limonade, Süßspeisen und als Begleiter von Ziegenkäse stellt sie daraus her, außerdem verwendet sie die Blüten roh im Salat. Eine weitere Empfehlung: Die Stängel in Bierteig tauchen und knusprig ausbacken. Zu guter Letzt erzählt Nicole Kaiser von ihrer zweitliebsten Löwenzahn-Spezialität, die Leber, Galle und Nieren schmeichelt: "Aus den Frühjahrs- oder Herbstwurzeln mache ich gern Magenbitter, den ich mit vierzigprozentigem Obstler ansetze." Die Wurzeln sollte man zeitig im Frühjahr oder im späten Herbst ausgraben, weil sie dann die höchste Wirkstoffdichte haben.

Apropos Wirkstoffdichte: Die ist zwischen 12 und 13 Uhr, wenn die Sonne am höchsten steht, besonders hoch. "Daher sollte man immer in diesem Zeitraum ernten", rät Nicole Kaiser und diktiert noch schnell ihr allerliebstes Rezept für Muckefuck.