Warum musste Greta in der Kita sterben?

Christoph Driessen

Von Christoph Driessen (dpa)

Mi, 18. November 2020

Panorama

Die 25-jährige Kindergärtnerin, die wegen Mordes angeklagt ist, macht bislang keine Aussage.

. Ein Mädchen wird nach dem Mittagsschlaf in der Kita nicht wach, später stirbt es im Krankenhaus. Auf die Erzieherin fällt ein schrecklicher Verdacht. Nun steht sie in Mönchengladbach vor Gericht.

Am Ende des ersten Verhandlungstages bricht die Angeklagte in Tränen aus. Schnell wird sie aus dem holzvertäfelten Saal geführt. Keine Viertelstunde hat der Auftakt des Mordprozesses im Landgericht Mönchengladbach gedauert.

Begonnen hatte die Verhandlung mit einer Bitte des Richters Lothar Beckers: "Tun Sie mir einen Gefallen und nehmen Sie die Maske ab!" Die Angeklagte, eine unscheinbare Frau, kommt dem nach. Sie stammt aus Kempen am Niederrhein. Sie ist 25 Jahre alt, deutsche Staatsbürgerin, von Beruf Kindergärtnerin. Dann beginnt die Verlesung der Anklage durch Staatsanwalt Stefan Lingens. Die Frau ist angeklagt, im April "heimtückisch einen Menschen getötet zu haben", einen Menschen, der am Anfang stand: Greta, drei Jahre alt. Die Rechtsanwältin Marie Lingnau, die die Mutter als Nebenklägerin vertritt, wird später erzählen, dass Greta ein fröhliches und lebenslustiges Mädchen gewesen sei. In ihre Kita in Viersen sei die Kleine unheimlich gern gegangen.

Die Erzieherin hatte zu diesem Zeitpunkt bereits in mehreren anderen Kindergärten am Niederrhein gearbeitet. Sie blieb nie lange, denn – so die Anklage: Ihre Vorgesetzten fanden, dass sie für ihren Beruf nicht geeignet war. Es soll ihr an dem gefehlt haben, was man am dringendsten braucht, um in einer Kita zu arbeiten: Liebe zu Kindern.

Etwas anderes blieb unbemerkt. Nicht weniger als acht Mal kam es vor, dass sie Alarm schlug, weil mit einem bestimmten Kind "etwas nicht stimmte". Es war nicht ansprechbar, röchelte oder zuckte, rang um Luft. Jedes Mal wurde der Notarzt gerufen, und zum Glück überlebten die Kinder. Laut Staatsanwaltschaft war die Häufung kein Zufall. Vielmehr habe die Erzieherin vorher den Brustkorb des Kindes zusammengedrückt, beim Mittagsschlaf oder beim Wickeln. Staatsanwalt Lingens spricht von "billigender Inkaufnahme des Todes des Kindes".

Greta war am 21. April wegen der Pandemie in der Notbetreuung der Kita. Die Angeklagte brachte sie ins Bett. Eine Stunde und 25 Minuten später die Nachricht, sie kriege das Mädchen nicht wach. Greta kam ins Krankenhaus, diesmal konnten die Ärzte nichts mehr tun. Weil sie sich den Tod des Mädchens nicht erklären konnten, kam der Fall ins Rollen.

Jetzt sitzt die Erzieherin vor Gericht. Für die Staatsanwaltschaft ist das Mordmerkmal Heimtücke erfüllt – schließlich habe die Angeklagte Greta im Schlaf attackiert. "Sie haben gehört, was Ihnen hier vorgeworfen wird", sagt der Richter zu der Frau. Bisher hat die Angeklagte keine Aussage gemacht.

Anwältin Lingnau, die Vertreterin von Gretas Mutter, gibt vor dem Gerichtssaal eine Erklärung ab. "Meine Mandantin sagt, sie lebt nicht, sie existiert." Aber sie habe noch zwei Söhne, die ihre Mama jetzt dringender bräuchten denn je. Von dem Prozess erhoffe sich die Mutter eine Antwort auf die Frage, warum Greta gerade an dem Ort, den sie so sehr mochte und an dem sie sich so beschützt fühlte, sterben musste.