Kongo

WHO ruft wegen Ebola "medizinischen Notfall" aus

Johannes Dieterich

Von Johannes Dieterich

Do, 18. Juli 2019 um 20:30 Uhr

Panorama

Die Weltgesundheitsorganisation sorgt sich zunehmend wegen der Ebola-Epidemie im Kongo. Der Seuche erlagen dort bislang fast 1700 Menschen.

JOHANNESBURG. Nach langem Zögern hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) am Mittwochabend die seit einem Jahr in der Demokratischen Republik Kongo kursierende Ebola-Epidemie zu einem "medizinischen Notfall mit internationaler Bedeutung" erklärt. Zuvor hatte sich die Gesundheitsbehörde mehrmals gegen einen solchen Schritt entschieden – aus Furcht, mögliche Konsequenzen wie die Schließung der Landesgrenzen und die Unterbrechung des Flugverkehrs könnten die Not der örtlichen Bevölkerung noch weiter verschlimmern.

Es ist erst das vierte Mal seit der Annahme neuer WHO-Regeln im Jahr 2005, dass sich die Behörde zu einer derartigen Entscheidung gezwungen sieht: Zuvor hatte die UN-Organisation im Zusammenhang mit einer Grippe-Epidemie (2009), der Verbreitung des Polio-Virus (2014), der westafrikanischen Ebola-Epidemie (2014) sowie der brasilianischen Zika-Seuche (2016) einen medizinischen Notstand mit internationaler Bedeutung ausgerufen.

Es sei höchste Zeit, dass die Welt der Lage im Kongo größere Bedeutung zukommen lasse, begründete WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus den Schritt der Behörde: Ein Jahr nach Ausbruch der Epidemie wachse die Gefahr, dass sich die Seuche auch auf die Nachbarstaaten, ausbreiten könne. Tedros warnte jedoch vor übertriebenen Vorsichtsmaßnahmen: Die Schließung von Grenzen und die Beeinträchtigung des Flugverkehrs hätten "verheerende Auswirkungen" auf die Bevölkerung – wie bei der westafrikanischen Ebola-Epidemie vor fünf Jahren festgestellt worden sei. Das Risiko einer Ausbreitung der Seuche sei für den Kongo und die ostafrikanische Region "sehr hoch", fügte der WHO-Chef hinzu: Die Gefahr, dass die Epidemie auch auf andere Teile der Welt übergreife, sei allerdings gering.

Unter Hilfsorganisationen wurde die WHO-Entscheidung begrüßt: "Wir hoffen, dass diese Krise nun die weltweite Beachtung findet, die sie verdient", heißt es in einer Erklärung der Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung. Im Seuchengebiet tätige Hilfsorganisationen hoffen, dass nun weitere Mittel zur Verfügung gestellt werden: Die WHO klagt darüber, dass von den fast 100 Millionen US-Dollar, um die sie für ihren Kampf gegen das Virus gebeten hatte, bisher nicht einmal die Hälfte zugesagt worden sei.

Auslöser des neuen Kurses der Gesundheitsbehörde war der Anfang der Woche gemeldete Tod eines Pastors in der kongolesischen Millionenstadt Goma, der sich bei der Beerdigung eines Ebola-Infizierten angesteckt haben soll. Dass das Virus auf die Großstadt übergreifen würde, fürchteten Experten schon lange: Weil Goma direkt an der Grenze zu Ruanda liegt, gilt auch eine Ausbreitung der Epidemie auf den dicht besiedelten Kleinstaat als nicht mehr ausgeschlossen.

Auch aus Uganda wurden in den vergangenen Wochen mehrere Ebola-Fälle gemeldet: Allerdings scheint der Virus dort unter Kontrolle gebracht worden zu sein. Experten fürchten vor allem, dass die Seuche auf den Südsudan übergreifen könnte: Das dortige Gesundheitssystem gilt wegen des Bürgerkriegs als völlig desolat.

Mit mehr als 2500 infizierten Personen und fast 1700 Toten ist die gegenwärtige Ebola-Epidemie im Kongo die zweitschlimmste der Geschichte: Nur in Westafrika tobte das Virus noch verheerender und tötete mehr als 11 000 Menschen. Dass die in- und ausländischen Seuchenbekämpfer den Erreger partout nicht unter Kontrolle bringen, liegt vor allem an dem Misstrauen der Bevölkerung, die bereits seit mehreren Jahrzehnten in bürgerkriegsähnlichen Zuständen leben: Gegenüber stehen sich zahllose Rebellenorganisationen und eine undisziplinierte kongolesische Armee. Viele Ostkongolesen sind überzeugt davon, dass das Virus eine Erfindung der verhassten Regierung ist oder gar von dieser absichtlich verbreitet wurde.

Allein in diesem Jahr wurden 200 Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen und Seuchenbekämpfer registriert, die als Handlanger der Regierung betrachtet werden. Unter diesen Bedingungen hilft auch der als äußert wirksam geltende Impfstoff nicht viel: Viele glauben, dass das Virus auf diese Weise übertragen wird, und weigern sich, geimpft zu werden."Die herkömmlichen Strategien scheitern in einer komplexen Krise wie im Kongo", meint Larry Gostin, Direktor des Washingtoner Neill Instituts: "Bislang ist es nicht gelungen, den Teufelskreis aus Krankheit, Gewalt und Misstrauen zu brechen."