Wie Marius seinen Freund suchte, der vor 15 Jahren aus Oberried in den Kosovo abgeschoben wurde

Marius Buhl

Von Marius Buhl

Do, 02. Februar 2017 um 10:49 Uhr

Menschen (fudder)

Marius und Kastriot teilen eine Schulbank und spielen Fußball, dann wird Kastriot abgeschoben.15 Jahre lang hören die beiden nichts voneinander. Bis Marius entscheidet: Ich suche ihn.

Meistens hast du geschwiegen. Schüchtern zur Tafel geschaut, wenn Frau Andriß erklärte, was Tuwörter sind. Oder wie man die Rechenkette benutzt. Oft hast du ein blaues Hemd getragen, das weiß ich noch, ich saß ja neben dir. Wenn die Schulglocke läutete und die Lehrerin uns Schüler der 3a der St. Michael-Grundschule in Oberried in die Pause schickte, bist du aufgesprungen. Hast den gelben Softball geschnappt, mit dem wir immer gekickt haben. Zwei Teams, die Parkbank als Tor. Einmal, ein anderer Mitschüler hat mich erst neulich daran erinnert, hast du ein Tor direkt vom Eckballpunkt geschossen. Doch am 10. September 2001, als Moritz und Miriam, Gernot und ich aus den Sommerferien kamen, blieb dein Platz leer. Du, Kastriot Bytyqi, warst verschwunden.

15 Jahre später steige ich in Berlin in ein Flugzeug. Das Ziel: Pristina, Kosovo. In der Hosentasche ein Klassenfoto, vom Tag unserer Einschulung. Du stehst in der letzten Reihe, in der Hand eine Waschbär-Schultüte. Ich knie in der ersten. Meine Schultüte sieht aus wie ein Pinguin. Wenn ich aus dem Flugzeugfenster schaue, sehe ich dein Land, und ich weiß nicht viel darüber. Natürlich habe ich mich gefragt, was wohl aus dir geworden ist. Wenn ich mit den Mitschülern über damals sprach und du in den Geschichten vorkamst. Wenn sie sich beim Fußballverein an deine Freistöße erinnerten und sagten, du wärst bestimmt beim SC Freiburg gelandet. Als die Flüchtlinge aus Syrien kamen und ich in der Zeitung über Abschiebungen von Kosovaren las.

Darf ich das überhaupt sagen: Freund?
Als wieder einmal von dir die Rede war, beschloss ich, dich auf Facebook zu suchen. Ein Bekannter verriet mir, wie du dort heißt. Keine gemeinsamen Freunde. Ich habe Stunden gebraucht, um dir eine Freundschaftsanfrage zuschicken. Ich schrieb dir schließlich, dass ich dich gerne besuchen möchte. Du hast ein paar Tage nicht geantwortet. Bestimmt hattest du Schiss ...

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