Russland

Wir müssen unseren eigenen Weg gehen

Susanne Wiesinger

Von Susanne Wiesinger (Freiburg)

Mo, 03. Mai 2021

Leserbriefe

Zu: "Tiger, Schakale, Würgeschlangen", Beitrag von Stefan Scholl und Agentur (Politik, 22. April)

Danke für den Artikel über Putins Rede zur Lage der Nation. Dass der Präsident auf das Dschungelbuch von Rudyard Kipling Bezug nimmt, zeigt Humor und auch, dass er in der Literatur Westeuropas bewandert ist. Ich verstehe das so, dass er die Auseinandersetzungen mit den westlichen Ländern wie Kinderspiele beurteilt, als Sandkastenspiele – à la "Wenn du meinen Botschafter haust, dann haue ich den deinen " – und dass er uns, auch die Briten, damit warnt. Wir in Deutschland vor allem sollten uns überlegen, wie wir reagiert hätten oder reagieren würden, falls der russische Oppositionelle Nawalny, der ja für mehr Bürgerrechte, für Freiheit der Meinungsäußerung eintritt, im Gefängnis im Hungerstreik gestorben wäre oder sonst irgendwie auf die Seite gebracht werden sollte.

Ich als Geschichtslehrerin finde, wir müssen (endlich) in Deutschland unseren eigenen Weg gehen, uns überlegen, wie viel uns an den Geschäften mit den USA liegt, einem im Grunde zahlungsunfähigen Land, und ob wir die Gewalt wählen oder die Gewaltlosigkeit. Wir müssen unsere eigene Auffassung entwickeln und auch diplomatisch vertreten; denn jeder Krieg gegen Russland, der aus Europa geführt wurde – das lässt sich in vielen literarischen Werken nachvollziehen – jeder dieser Kriege ging für Frankreich, Deutschland, und auch für Russland beziehungsweise die Sowjetunion verheerend aus.

Sich in allem den USA und Großbritannien anzuschließen wäre verfehlt; denn hunderttausende Männer und Frauen müssten den Kopf hinhalten für einen Krieg, den man wegen Nawalny auslösen würde – so vornehm und gut sein Anliegen auch sein mag. Den Kopf hinhalten, wollen wir das? Krieg, nein , danke!

Susanne Wiesinger, Freiburg