Mehr befristete Arbeitsverträge

Barbara Schmidt und dpa

Von Barbara Schmidt & dpa

Fr, 14. Juni 2019

Wirtschaft

Zahl der sachgrundlosen Befristungen ist 2018 um 14 Prozent gestiegen / Arbeitsmarktforscher: Zeichen für robusten Arbeitsmarkt.

NÜRNBERG. Etwa 3,2 Millionen oder 8,3 Prozent aller Beschäftigungsverhältnisse im vergangenen Jahr waren befristet – so viele wie nie seit Beginn der Erhebungen 1996. Das teilte das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) am Donnerstag mit. Die Forscher sahen darin ein Anzeichen für die robuste Verfassung des deutschen Arbeitsmarkts.

Wie in früheren Jahren "erfolgten mehr als zwei von fünf Einstellungen (44,1 Prozent) zunächst auf Basis befristeter Verträge", berichtete Studienautor Christian Hohendanner. Betriebe stellen gerne befristet ein, wenn sie Auftragsspitzen abdecken müssen und noch nicht absehen können, ob der Mehrbedarf an Arbeitskräften von Dauer sein wird. Manche nutzen Befristungen als verlängerte Probezeit für neue Mitarbeiter. "Das erleichtert den Betroffenen den Zugang zum Arbeitsmarkt, erhöht jedoch ihr Risiko, nach Ablauf der Vertragsdauer erneut arbeitslos zu werden", heißt es in der IAB-Studie. Derzeit überwiege tendenziell die positive Seite, so die Arbeitsmarktforscher.

Ihre Einschätzung machen sie an zwei Merkmalen fest: Zum einen habe 2018 die Übernahmequote mit 44,2 Prozent den höchsten Stand seit der ersten Messung 2009 erreicht. Zum anderen stieg die Zahl der Kündigungen durch Arbeitnehmer ebenfalls auf einen Rekordwert: 43,4 Prozent der Personalabgänge aus befristeter und unbefristeter Beschäftigung gingen auf eine Kündigung durch den Beschäftigten zurück, nur 11,1 Prozent auf das Auslaufen eines befristeten Vertrags. "In vielen Betrieben stellte sich somit weniger die Frage, wie Personal im Zweifelsfall freigesetzt, sondern wie es rekrutiert und gehalten werden kann", lautet das Fazit der Forscher. Allerdings würde eine Wirtschaftsflaute das Risiko erhöhen, nach dem Ende des Zeitvertrags wieder arbeitslos zu werden.

Das IAB ist die Denkfabrik der Bundesagentur für Arbeit. Ihren Zahlen zufolge wurde mehr als die Hälfte der befristeten Verträge (1,8 Millionen) vom Arbeitgeber nicht näher begründet. Damit hat die Zahl der sachgrundlosen Befristungen um 14 Prozent im Vergleich zu 2017 zugenommen. Die Entwicklung steht im Widerspruch zum Ziel der Großen Koalition, die sachgrundlosen Befristungen einschränken zu wollen. Die IAB-Forscher vermuten als Ursache vor allem rechtliche Gründe. Viele Unternehmen wählten diese auf zwei Jahre begrenzte Variante, um das Risiko einer rechtlichen Anfechtung auszuschließen. Begründen Firmen eine Befristung, müssen ihre Gründe im Zweifel auch vor Gericht Bestand haben.

Der Befristungsanteil ist je nach Branche unterschiedlich hoch. Beispielsweise waren 2018 im Baugewerbe nur 1,6 Prozent aller Beschäftigungsverhältnisse befristet, im Gastgewerbe hingegen 14,6 Prozent. Insgesamt lag die Quote in der Privatwirtschaft bei 7,1 Prozent. Im öffentlichen Dienst waren es 8,9 Prozent, im sogenannten dritten Sektor 14,8 Prozent. Zum dritten Sektor gehören gemeinnützige Arbeitgeber wie Wohlfahrtsverbände, Kirchen oder Interessengruppen. Sie befristen Stellen häufig, weil deren Finanzierung nur für einen bestimmten Zeitraum gesichert ist.