BZ-Interview

Schönheit zahlt sich im Job aus – vor allem bei Männern

BZ-Redaktion

Von BZ-Redaktion

Di, 28. März 2017 um 11:29 Uhr

Wirtschaft

Haben es attraktive Menschen leichter im Beruf? Verdienen sie wegen ihrer Schönheit mehr? "Ja", sagt Volkswirtschaftsprofessor Thomas Bauer. Vor allem Männer profitieren.

Schöne Menschen haben es entgegen dem Vorurteil oft sogar schwerer in der Arbeitswelt – das sagt eine Studie aus den USA, die jüngst einige Wellen geschlagen hat. Der Essener Ökonom Thomas Bauer sieht das im Interview mit Eva Willand ganz anders. Eine Schönheitsprämie in der Berufswelt gebe es tatsächlich, wie eine ganze Reihe seriöser Studien zeigten.

BZ: Herr Bauer, laut einer gerade veröffentlichte Untersuchung zweiter Autoren von der London School of Economics und der University of Massachusetts in den USA werden schöne Menschen tendenziell beim Verdienst benachteiligt. Demnach verdiene derjenige mehr, der eher nicht gut aussehe. Dieses Ergebnis stellt einige scheinbare Gewissheiten infrage – oder was ist von dieser Untersuchung aus Ihrer Sicht zu halten?
Bauer: Die Studie ist aufgrund mehrerer Probleme durchaus umstritten. Ein zentrales Problem liegt darin, dass der Gruppe der wenig attraktiven Personen höchstens 280 Teilnehmer zugeordnet wurden, während in den anderen betrachteten Schönheitsgruppen mehr als 4500 Teilnehmer beobachtet wurden. Die Gruppe der wenig attraktiven Personen ist damit viel zu klein.

"Unabhängig vom Alter oder der Ausbildung zahlt sich Schönheit aus."

BZ: Also sind schöne Menschen alles in allem doch beruflich erfolgreicher?
Bauer: Wir beobachten in Deutschland und vielen anderen entwickelten Ländern, dass schönere Menschen, wie immer Schönheit auch gemessen wird, vergleichsweise höhere Löhne erhalten. Dabei werden die Löhne hinsichtlich vieler Eigenschaften – wie Ausbildung, Alter oder Berufserfahrung – identischer Personen unterschiedlicher Attraktivität miteinander verglichen. Dieser Vergleich liefert in vielen Studien eindeutige Hinweise darauf, dass eine Art Schönheitsprämie existiert. Man könnte auch sagen: Unabhängig vom Alter oder der Ausbildung zahlt sich Schönheit aus. Aber: Ob diese Schönheitsprämie direkt auf die Schönheit zurückzuführen ist, oder aber auf Eigenschaften wie ein höheres Selbstbewusstsein, das sich eventuell daraus entwickelt, dass man sich für schön hält oder dass einen andere für schön halten, ist damit nicht gesagt. Auch gibt es zahlreiche Berufe, in denen schöne Menschen deshalb bevorzugt werden, weil sie häufig mit Kunden in Kontakt kommen. Auch dadurch können sich Lohnunterschiede erklären.

BZ: Aber haben es nicht ganz besonders schöne Menschen mitunter schwer, weil dann manch andere Menschen meinen, wer so schön ist, könne doch nicht noch klug und fleißig sein? Was wissen die Studien darüber?
Bauer: Das kann für den einen oder anderen Fall sicherlich zutreffen. Im Durchschnitt weisen die existierenden Studien jedoch darauf hin, dass schönere Menschen vergleichsweise erfolgreicher sind.

"Auch sollte man bedenken, dass sich die Definition von Schönheit über die Zeit verändert hat."

BZ: Wie definiert die Ökonomie in solchen Studien Schönheit überhaupt?
Bauer: Dafür gibt es verschiedene Ansätze. In manchen Studien wird die Attraktivität recht schlicht anhand der Körpergröße oder dem Body Mass Index beurteilt. Hier wird davon ausgegangen, dass größere – oder auch dünnere Menschen – schöner sind. Andere Studien lassen in Befragungen den Interviewer auf einer Skala von beispielsweise eins bis zehn beurteilen, wie attraktiv der oder die von ihm Befragten sind. Das alles ist sehr subjektiv, da ja auch Interviewer sehr unterschiedliche Geschmäcker haben. Es gibt aber auch Versuche, Schönheit objektiv zu messen. Ein Computerprogramm vermisst anhand von Fotos zum Beispiel die Symmetrie des Gesichtes. Hier lautet die Annahme, dass Menschen, die ein symmetrisches Gesicht haben, als attraktiver wahrgenommen werden. Wobei man sich auch hierbei fragen kann, ob ein Gesicht nicht dadurch interessanter wird, wenn es in gewissem Maße Abweichungen von der Symmetrie gibt. Auch sollte man bedenken, dass sich die Definition von Schönheit über die Zeit verändert hat. Denken Sie nur an die Gemälde von Rubens. Damals wurden eher dickere Menschen als schöner empfunden, heutzutage sind es eher dünnere. Dennoch: Unter dem Strich und trotz unterschiedlicher Definitionen von Schönheit bestätigen viele Untersuchungen, dass es eine Schönheitsprämie im Berufsleben gibt.

"Es kann eine Diskriminierung vorliegen."

BZ: Ist es denn erlaubt, Menschen nach dem Aussehen einzustellen oder aus diesem Grund besser zu bezahlen?
Bauer: Nein, erlaubt ist es sicherlich nicht. Wenn ich Menschen nur aufgrund ihrer Schönheit einen höheren Lohn zahle, wäre das ein Diskriminierungstatbestand. Zwar definiert das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz das Aussehen nicht direkt als Merkmal für eine Diskriminierung. Dennoch kann in unserem Fall eine Diskriminierung nach Präferenzen vorliegen. Dabei sind drei Arten von Diskriminierung zu unterscheiden. Erstens die, die vom Arbeitgeber ausgeht. Über die wird in der Öffentlichkeit am meisten diskutiert. Es gibt aber auch eine Diskriminierung, die von Arbeitnehmern ausgeht, etwa wenn diese nur mit attraktiven Menschen zusammenarbeiten wollen – ähnlich dem Fall, wenn Männer grundsätzlich nur mit Männern zusammenarbeiten wollen. Drittens kann der Kunde diskriminieren, wenn er beispielsweise nur von bestimmten Personen bedient werden will. Hier kann Schönheit durchaus eine besonders starke Rolle spielen. Denken Sie an eine Rezeptionistin in einem großen Betrieb. Auf diesen Posten würde man wahrscheinlich eher einen attraktiven Menschen setzen. Es geht ja um den ersten Eindruck, den das Unternehmen abgibt. Die von den Kunden ausgehende Diskriminierung führt dann dazu, dass nur Leute mit bestimmten Eigenschaften mit Kunden in Kontakt kommen dürfen – und andere eben nicht.

BZ: Und welche Form von Diskriminierung nach Schönheit gibt es noch?
Bauer: Die statistische Diskriminierung. Sie entwickelt sich aufgrund von fehlenden Informationen. Wenn ein Arbeitgeber keine eindeutigen Informationen über die Produktivität der Bewerber für eine Stelle hat, greift er auf Hilfskonstruktionen zurück. Wenn im Kopf des Chefs verankert ist, schönere Menschen wären im Durchschnitt gesünder, dann würde er die Eigenschaft "schön" als Signal dafür nehmen, dass dieser Mensch eine höhere Produktivität aufweist. Dann wäre nicht die Schönheit unmittelbarer Diskriminierungsgrund für weniger Schöne, sondern die Idee, dass schöne Menschen im Schnitt gesünder und damit produktiver seien.

BZ: Wie viel mehr verdienen denn Menschen, die genauso gut oder schlecht ausgebildet sind wie andere – aber dabei besser aussehen? Und gibt es denn Unterschiede, was Männer und Frauen anbelangt?
Bauer: Ja, für Deutschland findet eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) beispielsweise, dass am unteren Ende der Lohnverteilung für Frauen eine Schönheitsprämie von zwei bis vier Prozent und für Männer von fünf bis sieben Prozent existiert. Alle Studien, die lediglich auf den Lohn abzielen, sind aber nur beschränkt aussagekräftig, da sie nur Personen untersuchen, die eine Anstellung haben. Wenn unattraktive Menschen erst gar keine Stelle bekommen, und arbeitslos sind, dann sind diese in den Untersuchungen gar nicht enthalten.
Zur Person

Der Volkswirtschaftsprofessor Thomas Bauer hat an der Ruhr-Universität in Bochum den Lehrstuhl für Empirische Wirtschaftsforschung inne und ist seit dem Jahr 2009 Vizepräsident des RWI-Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen.

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