Wo Deutschland zu Ende ist

dpa

Von dpa

Do, 24. Dezember 2020

Reise

Für unternehmungslustige Stempeljäger: An vier Zipfeln endet die Bundesrepublik – wer sie bereist, kann sich das bescheinigen lassen /.

ist auf Sylt, Görlitz, Oberstdorf und Selfkant: Diese Orte haben scheinbar nichts miteinander zu tun. Doch in diesen vier Gemeinden endet Deutschland. Wer sie alle bereist, erhält eine Auszeichnung.

LDer Mensch ist ein Sammler und der Reisende vielleicht noch ein bisschen mehr. Exotische Stempel im Pass jedoch lassen sich auf absehbare Zeit eher nicht sammeln. Doch auch in Deutschland können Entdecker auf die Jagd gehen – ganz im Norden, Süden, Westen und Osten der Republik. Wer die vier Zipfel des Landes besucht hat, bekommt eine kuriose Auszeichnung: den Zipfelpass.

Die Geschichte eines
eigenartigen Bundes
Es war im Mai 1998, als sich die vier Orte an den äußersten Ecken Deutschlands zum Zipfelbund zusammenschlossen: List auf Sylt im Norden, Görlitz im Osten, Oberstdorf im Süden und Selfkant im Westen. Im Jahr darauf bei den Feiern zum Tag der Deutschen Einheit wurde die Partnerschaft unter den Augen der Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf (Sachsen) und Wolfgang Clement (Nordrhein-Westfalen) beurkundet.

Herbert Corsten, 70, war lange Zeit Bürgermeister von Selfkant. "Für Selfkant ist der Zipfelbund mehr als nur eine Touristenattraktion", sagt er. Denn der Ort existiert erst seit 1969 als eigenständige Gemeinde und gehört erst seit August 1963 zur Bundesrepublik. Zuvor hatte das Gebiet ab 1949 unter niederländischer Verwaltung gestanden. "Wir bilden den kommunalen Rahmen der Republik", steht in einer Zipfelbund-Festschrift.

Mit dem Zipfelpass
zu den Enden Deutschlands
Auch Touristen sollen zu den Zipfeln Deutschlands reisen, ein Anreiz dafür musste her. Die Lösung war der Zipfelpass. Das Dokument misst 9 mal 12,5 Zentimeter, umfasst 22 Seiten und ähnelt in der Größe dem ehemaligen Reisepass der Bundesrepublik. Urlauber bekommen den Pass jeweils in den Rathäusern oder Tourismusbüros ausgehändigt und abgestempelt. Sie müssen allerdings mindestens eine Übernachtung im jeweiligen Zipfelort nachweisen. Sonst könnte ja jeder kommen. Kein Verwaltungsakt per Stempel ohne Gegenleistung.

Die vier Orte müssen Passinhaber innerhalb von fünf Jahren bereisen. Bisher waren es vier Jahre, wegen der Corona-Pandemie aber wurde der Zeitraum um ein Jahr verlängert. Wer im Zipfelpass alle vier Stempel vorweisen kann, erhält als Dank ein kleines Geschenk. In Oberstdorf etwa ist das ein Gipfelbuch. Pardon, es ist natürlich ein Zipfelbuch.

Einige Tausend Reisende haben sich in der Vergangenheit zu den vier Zipfeln aufgemacht – mit dem Auto, per Bahn und Bus, auf dem Fahrrad oder Motorrad, zu Fuß und auf dem Pferderücken. Im Rathaus von Selfkant werden Jahr für Jahr um die 100 Zipfelpässe abgestempelt. Genaue Zahlen werden dort auf Nachfrage nicht genannt, wie auch in den anderen Zipfelorten. Doch die Zahl der Zipfeltouristen steige von Jahr zu Jahr, heißt es in Selfkant. Im Corona-Jahr 2020 mit dem Boom des Inlandstourismus verzeichnete man zuletzt noch mehr Zulauf. Und so sehen die vier Zipfelorte aus:

List auf Sylt: Am Ellenbogen über die Nordsee nach Dänemark blicken
Ein kleines Holzschild an der Dünenkante markiert den nördlichsten Punkt Deutschlands. Der liegt in List auf Sylt, am Strand des Naturschutzgebietes Ellenbogen. Die Autozufahrt von der Straße zwischen Kampen und List zweigt schon in Westerheide ab und wird zur mautpflichtigen Privatstraße. Hinter dem Leuchtturm List West ist der Parkplatz. Von dort sind es nur ein paar hundert Meter zum Ziel: Deutschlands Spitze, mit Aussicht über die Nordsee nach Dänemark.

Die Zipfelpässe werden in der Lister Kurverwaltung abgestempelt. "Es gibt Gäste, die kommen mal kurz vom Festland mit dem Zug rüber und wollen den Stempel im Zipfelpass haben", erzählt Wolfgang Nicoley von der Kurverwaltung. Doch das lehnen sie in List kategorisch ab – eine Nacht vor Ort ist Pflicht.

Görlitz: Östlichste Stadt,
aber nicht der östlichste Zipfel
An der deutsch-polnischen Grenze wird ein wenig gemogelt. Zwar ist die rund 56 000 Einwohner zählende Europastadt Görlitz/Zgorzelec Deutschlands östlichste Zipfelstadt, doch die östlichste Stelle des Landes liegt rund zehn Kilometer weiter nördlich. Sie befindet sich in der rund 1700 Bewohner zählenden Gemeinde Neißeaue zwischen den Ortsteilen Deschka und Zentendorf. Ein Findling weist dort auf die Stelle in der Flussmitte der Neiße hin, die von Zentendorf aus über kurvige Feldwege erreichbar ist.

Oberstdorf:
Touristenmagnet im Allgäu
In Oberstdorf gibt es den Stempel im Ort, doch wer den absolut südlichsten Punkt sucht, muss fit sein und trittsicher. "Kein Sonntagsspaziergang" sei es dorthin, sagt Miriam Frietsch vom Tourismusbüro, sondern "eine Tagestour von acht bis zehn Stunden".

Mit dem Fahrrad – am besten einem E-Bike – und zu Fuß kommen die Zipfelstürmer vom Parkplatz Fellhornbahn über den Weiler Einödsbach zur Speicherhütte. Zu Fuß geht es dann weiter. Als anstrengend und matschig wird der Weg von Wanderern zur Trifthütte beschrieben.

Nichts ist am Haldenwanger Eck ausgeschildert, die letzten Meter werden zur Kraxelei. Finale am felsigen Hang: Der Grenzstein 147 befindet sich in 1931 Metern Höhe. Mehr Süden geht nicht mehr, dort am Dreiländereck Bayern, Tirol und Vorarlberg. Ein einsamer Ort.
Selfkant: Westlichster Punkt und
schmalste Stelle der Niederlande
Mit den Füßen noch in Deutschland, mit dem Rücken schon in den Niederlanden: So geht das auf der Ruhebank, die am westlichsten Punkt Deutschlands in Selfkant-Isenbruch steht. Ein Steg am Rodebach leitet Besucher zum Zipfelpunkt, markiert durch einen knallroten Stab inmitten des Gewässers. Erlebnisraum Westzipfel, so nennen sie das hübsche Touristenziel an der Kreisstraße 1.

Eine halbe Million Euro hat Selfkant im Jahr 2015 mit Hilfe des Landes Nordrhein-Westfalen investiert in Bänke, Steg und Stab, Toilette und Parkplätze. Damit wurde der Ort zu einem Fall für den Steuerzahlerbund. Das sei rausgeschmissenes Geld, wetterten die Wächter über die Geldtöpfe. Doch längst ist wieder Ruhe eingekehrt.

Viele Besucher übernachten in einem der 75 Selfkanter Gästebetten. Manche verbringen einige Tage im Zipfelort. Bei einer Radtour in der Region entdecken sie das schmalste Stück der Niederlande ("Het smalste stukje Nederland"), es ist nur 4,8 Kilometer breit. Radelt man schnurstracks nach Westen, ist man rasch sogar in einem dritten Land der EU: in der belgischen Gemeinde Dilsen-Stokkem an der Maas.

Weitere Infos: Mehr zum Zipfelbund mit seinen Orten List, Selfkant, Görlitz und Oberstdorf unter http://www.zipfelbund.de