Zwischen Leben und Tod

Herbert Mackert

Von Herbert Mackert (dpa)

Sa, 09. November 2019

Eine Nacht in der Notaufnahme.

Auch nachts sind Ärzte und Pfleger in der Notaufnahme hellwach und versorgen Notfall- und Unfallopfer. Die Zahl der Patienten steigt unaufhörlich. Und mit ihr auch deren Aggressionsniveau. Inzwischen sorgt teilweise Wachpersonal für Sicherheit.

Ihr Leben hängt in dieser Nacht an einem vier Millimeter dicken Schlauch. Über den Katheter wird der Patientin direkt in die Halsvene Kalium und Magnesium gegeben, um ihren Elektrolytmangel zu beheben. Dieser löste bei der 72-Jährigen schwere Herzrhythmusstörungen aus mit der Folge, dass ihr Gehirn nicht mehr genug Sauerstoff bekommt. Nach einem Krampfanfall in ihrer Wohngruppe war die Frau in die Notaufnahme des Klinikums Nürnberg-Süd gebracht worden. Im internistischen Schockraum retten ihr Assistenzärztin Rebecca Junker und ihr Team das Leben.

In der Blutgasanalyse stellt Junker einen massiven Unterzucker fest. Im Kernspintomografen werden zum Glück keine Hirnblutungen sichtbar, der Verdacht auf einen Herzinfarkt bestätigt sich nicht. Die Frau hat einen gesetzlichen Betreuer, doch der ist nicht erreichbar. "Es ist jetzt eine Entscheidung über Leben und Tod. Normalerweise hätte der Betreuer dem invasiven Eingriff zustimmen müssen, aber jetzt mussten wir handeln, weil Lebensgefahr besteht", sagt der Bereichsleiter der zentralen Notaufnahme, Oberarzt Steffen Popp.

In einer Nachtschicht arbeiten hier zwei Internisten, ein Chirurg, ein Neurologe und fünf Notfallpfleger. Unfallopfer werden im Trauma-Schockraum erstversorgt, der eine Hightech-Ausstattung an Diagnose-, Ultraschall-, Beatmungs- und Defibrillatorgeräten vorhält. Je nach Schwere der Verletzung werden Neuro-, Gefäß- oder plastische Chirurgen hinzugeholt.

Täglich durchschnittlich 250 Patienten zählen die beiden Notaufnahmen der beiden Klinikstandorte. In den vergangenen Jahren sei das Patientenaufkommen jährlich um fünf Prozent gestiegen, heuer zeichne sich erstmals eine Stagnation ab, berichtet Popp. Die Gründe, weshalb die Leute direkt ins Krankenhaus kommen, seien vielfältig: "Einerseits gibt es ein höheres Anspruchsdenken der Menschen, denn hier bekommen sie binnen kurzer Zeit eine umfassende Diagnostik, wofür sonst mehrere niedergelassene Ärzte nötig wären. Andere Patienten können oder wollen nicht tagsüber während ihrer Arbeitszeit zum Arzt. Und für eine wachsende Zahl von Patienten sind wir zu einer Anlaufstelle für soziale Problematiken geworden", sagt Popp. Viele vereinsamte Menschen wüssten sich häufig nicht anders zu helfen und kämen auch bei Bagatellerkrankungen in die Notaufnahme, wo sie Fürsorge und Versorgung erführen.

Aggressive Angehörige

Mehr als 40 Prozent sind nach Klinikangaben lebensbedrohlich oder so schwer erkrankt, dass sie innerhalb von zehn Minuten einen Arzt sehen müssen. Für die schnelle Ersteinschätzung der Patienten nutzt das Klinikum den Emergency Severity Index (ESI). Patienten werden dabei in fünf Dringlichkeitskategorien eingestuft, von akut lebensbedrohlich bis weniger dringlich. Maximilian Pongratz ist als Fachkrankenpfleger für Notfallpflege für die Ersteinschätzung zuständig. Triagieren nennen Mediziner das. Das Wort kommt aus dem Französischen und bedeutet Aussuchen und wurde laut Pongratz im Ersten Weltkrieg geprägt, als die Verwundeten beim Eintreffen im Feldlazarett nach dem Schweregrad ihrer Verletzung sortiert wurden. Der 29-Jährige übernimmt die vom Rettungsdienst gebrachten Patienten und legt für jeden eine Mappe an, in der das Beschwerdebild und die Symptome der Erkrankung oder Verletzung dokumentiert werden.

Weil es vermehrt aggressive Übergriffe gegen Ärzte und Pfleger gab, führte das Klinikum 2018 in den Intensivstationen und Notaufnahmen einen Sicherheitsdienst ein. Robert Hairston kämpfte als US-Soldat im Irak, heute sorgt der Kriegsveteran in der Notaufnahme für Sicherheit und Ordnung. Übergriffe gebe es vor allem, wenn Patienten unter Alkohol oder Drogen stünden. Häufig seien es die Angehörigen, die aggressiv werden, wenn ihr Patient warten muss. Dann bemüht sich der 52-Jährige, die Lage durch Gespräche zu beruhigen. "Ich versuche, die Leute runterzubringen, denn häufig sind es Sprachprobleme oder einfach schlechte Laune, die zu Aggressionen führen."

Ein Phänomen, das Sorgen auslöst: "Die Gewaltbereitschaft von Patienten und Angehörigen nimmt zu, vor allem in den Notaufnahmen", sagt der Sprecher der Bayerischen Krankenhausgesellschaft, Eduard Fuchshuber. "Es ist ein Symptom der Gesellschaft."