Berlin

Abschuss nach Wolfsrissen soll leichter werden

dpa

Von dpa

Mo, 20. Mai 2019 um 20:43 Uhr

Panorama

Die Rückkehr der Wölfe stellt Schäfer vor Probleme und macht vielen Menschen Angst - und sie ist ein großes Wahlkampf-Thema. Nun scheint ein Kompromiss in der Bundesregierung gefunden.

Wenn Wölfe Schafe oder andere Nutztiere reißen, soll der Abschuss der Raubtiere einfacher werden. Einem Entwurf von Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) zufolge sollen einzelne Wölfe eines Rudels künftig auch dann getötet werden können, wenn nicht klar ist, welcher Wolf genau zugebissen hat – und zwar "bis zum Ausbleiben von Schäden". Voraussetzung ist, dass Wölfe vor Ort schon Nutztiere gerissen haben und dann schnell gehandelt wird. Die geschützten Tiere vorsorglich abzuschießen, bliebe damit verboten.

Den Referentenentwurf leitete das Bundesumweltministerium am Montag an die Fachverbände zur Stellungnahme. Das ist ein wichtiger Schritt im Gesetzgebungsverfahren. Zwischen Umwelt- und Agrarministerium hatte es monatelang Streit gegeben um die Frage, unter welchen Bedingungen Wölfe geschossen werden können. Die Tiere stehen in Europa unter Schutz, seit einigen Jahren breiten sie sich in Deutschland wieder aus. Wie viele Wölfe ganz genau in Deutschland leben, ist nicht bekannt. Der Bauernverband schätzte 2018 ihre Zahl auf 970 bis 1300, Tendenz steigend. Erst am Montag bestätigte das Umweltministerium den Aufenthalt eines Wolfs im Landkreis Sigmaringen.

Was Naturschützer bejubeln, bereitet Tierhaltern Probleme. Immer wieder werden Tiere getötet, auch wenn sie hinter Zäunen weiden. Bislang konnten Wölfe zum Abschuss freigegeben werden, die Schutzzäune überwanden und Tiere rissen. Vielen reicht das nicht. Auch deswegen wuchs der Druck auf Schulze und Agrarministerin Julia Klöckner (CDU), einen Kompromiss zu finden. "Ich bin froh, dass sich das Bundesumweltministerium nun doch bewegt hat", sagte Klöckner. Es sei "keinem normal denkenden Menschen" zu erklären, dass bisher reißende Wölfe erst geschossen werden dürften, "wenn der DNA-Abgleich gemacht und der Wolf bei erneuter Tat ertappt worden ist". Der Entwurf sieht unter anderem vor, das Füttern von Wölfen zu verbieten, damit sie sich nicht an Menschen gewöhnen. Ihr Abschuss soll künftig erlaubt werden können, wenn sie "ernsten" landwirtschaftlichen Schaden anrichten. Bisher ist von "erheblichen" Schäden die Rede, was "existenzbedrohend" meint. Das soll auch Hobbyschäfern ermöglichen, eine Entschädigung zu erhalten.

"Die Richtung stimmt, aber für eine Koexistenz von Wolf und Weidetierhaltung reicht das noch nicht", sagte der Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes, Bernhard Krüsken. In Regionen mit ausgeprägter Weidetierhaltung solle sich der Wolf gar nicht erst ansiedeln. Der Jagdverband nannte den Vorschlag einen "kleinen Schritt", es brauche aber ein umfassendes Konzept. Unter anderem fordern die Jäger, grundsätzlich zuständig zu sein, wenn es um den Abschuss geht. Im Entwurf steht, die Behörden sollten sie "nach Möglichkeit" berücksichtigen. Torsten Reinwald vom Jagdverband nannte das Vorgehen des Umweltministeriums "Überrumpelungstaktik" , weil die Verbände nur "einige Stunden" Zeit für ihre Stellungnahme bekommen hätten. Am Montagmorgen hatte das Bündnis "Forum Natur", zu dem Bauern- und Jagdverband gehören, ein eigenes Konzept vorgestellt. Es sieht unter anderem vor, dass ein "Akzeptanzbestand" definiert wird – wird diese Zahl überschritten, soll es eine "Schutzjagd" geben können.

Naturschützer zeigten sich unzufrieden mit den Plänen der Bundesregierung. "Nur wenn Weidetierhalter finanziell einheitlich und möglichst unbürokratisch unterstützt werden, werden die Probleme angegangen", sagte der WWF. Zudem könne die Änderung des Bundesnaturschutzgesetzes Bibern oder Fischottern schaden. Der Naturschutzbund Nabu sieht ebenfalls "keinen Gewinn für die Koexistenz für Mensch, Weidetier und Wolf". Die Pläne schafften keine Rechtssicherheit. Ministerien und Kanzleramt hätten besser an der Verbesserung des Schutzes der Nutztiere gearbeitet, Bejagung sei "kein effektiver Herdenschutz".