Achterbahnfahrt Biathlon

Jürgen Ruoff

Von Jürgen Ruoff

Mo, 16. März 2020

Biathlon

Niemand kommt ungerupft davon: Benedikt Doll nicht, Roman Rees nicht, Janina Hettich nicht.

KONTIOLAHTI. Der Abschied war eines Großen würdig: In Kontiolahti (Finnland), wo Martin Fourcades Karriere 2010 mit einem Weltcupsieg begann, absolvierte er am Wochenende sein letztes Rennen auf höchstem Niveau - und triumphierte erneut. Der Franzose hat sieben Mal den Biathlon-Weltcup gewonnen, sammelte 13 Weltmeistertitel und wurde fünf Mal Olympiasieger. Alle Athleten, die beim Verfolgungsrennen ins Ziel kamen, drückten und herzten ihn. Wehmütig ist Fourcade aus dem Weltcuport in Finnland abgereist.

Gleiches gilt für Benedikt Doll. Es war ein abruptes Saisonende für den Biathleten der Ski-Zunft Breitnau, die Gründe waren natürlich zwingend. Das Weltcupfinale in Oslo (Norwegen), aufgrund der Stimmung und des geschichtsträchtigen Holmenkollen alljährlich ein besonderes Erlebnis für die weltbesten Biathleten, wurde bereits vergangene Woche abgesagt. In Kontionlahti entschied der Biathlon-Weltverband (IBU) in Abstimmung mit den Mannschaften, den Sprint und Verfolger unter Ausschluss der Öffentlichkeit auszutragen. Single-Mixed- und Mixed-Staffel, die am Sonntag stattfinden sollten, wurden gestrichen.

Mit dem sechsten Platz im Sprint von Kontiolahti erreichte Benedikt Doll in einem der beiden Rennen "noch einen ordentlichen Abschluss einer durchwachsenen Saison". Im Verfolger wurde er 19. Auf Rang acht ist der Hochschwarzwälder der beste Deutsche im von Norwegern und Franzosen dominierten Gesamtweltcup. Doll feierte im Dezember in Frankreich seinen ersten Weltcupsieg, war einmal Zweiter und einmal Dritter. Es war seine beste Weltcupsaison – dann kam die Weltmeisterschaft in Antholz (Italien). "Ich bin an dem Schießstand einfach nicht zurechtgekommen. Man kann schon sagen, dass da ein Knick reinkam", sagt der 29-Jährige. In den Weltcups vor der WM hatte er sehr stabil geschossen, liegend wie stehend. "Beim Schießen konnte ich mich steigern, das war eine schöne Entwicklung." Doch nach Antholz war die Leichtigkeit dahin. Das Selbstvertrauen beim Schießen hatte gelitten, technische Probleme kamen hinzu. Beides bedingt sich. Niemand kommt ungerupft durch eine Biathlonsaison: Weltcupsieger Johannes Thingnes Boe (Norwegen) ebenso wenig wie Benedikt Doll.

Roman Rees war einer der Besten in der zweiten Liga

Auch die Saison von Roman Rees (SV Schauinsland) hatte Ausschläge nach oben und nach unten. "Einerseits gab es viele Rennen, mit denen ich sehr zufrieden war. Andererseits war der Saisonverlauf auch irgendwo enttäuschend", sagt der 27-Jährige, der einen Winter zuvor mit der deutschen Staffel WM-Silber gewonnen hatte. Im IBU-Cup, international die zweite Liga, gehörte Rees zu den besten Athleten und schaffte es dreimal auf das Siegertreppchen. Sein Ziel war jedoch der Weltcup: In Ruhpolding bekam er seine Chance und wurde auf Anhieb 19. im Sprint.

Im Verfolger lag er an achter Stelle, als er sich zum letzten Stehendschießen aufstellte. Mit einer fehlerfreien Fünferserie hätte der beste deutsche Schütze vermutlich die WM-Norm geschafft, aber er verfehlte zwei Scheiben und wurde erneut 19. "Da habe ich die Chance vergeben, es war irgendwie der Knackpunkt der Saison." Bei der Europameisterschaft waren die Bedingungen grenzwertig. Rees gelang ein perfektes Rennen, er brachte die Null am Schießstand, dennoch musste er mit Rang sechs zufrieden sein, weil seine Ski nicht liefen. "Im Februar waren fast alle Wettkämpfe grenzwertig. Auch die Trainingsbedingungen waren mit der 1,7-Kilometerrunde am Notschrei nicht wirklich gut, es macht dann einfach auch nicht so viel Spaß", blickt Rees zurück.

Janina Hettich vom SC Schönwald hat in dieser Saison ebenfalls ein intensives Auf und Ab der Gefühle hinter sich. Der Einstieg in den IBU-Cup in Sjusjoen (Norwegen) war ihr missglückt: Im Sprint, in dem zehnmal geschossen wird, verfehlte sie alle zehn Scheiben. Sie kämpfte sich jedoch zurück, überzeugte mit guten Leistungen, stieg in den Weltcup auf und war auch bei der WM in Antholz dabei. Das erste WM-Rennen ihrer Karriere endete jedoch mit Tränen. Nach fünf Schießfehlern, vier stehend, verpasste sie als 65. des WM-Sprints den Verfolger. "Das war ein Dämpfer. Anschließend war nicht gleich wieder ein Wettkampf und das Überlegen ging los." In Nove Mesto (Tschechien), dem ersten Weltcup nach der WM, blieb die 23-Jährige als 62. des Sprints abermals weit hinter ihren Möglichkeiten zurück. Ebenso in Kontionlahti (86. im Sprint): "Da hatte ich einen ganz schlechten Tag, läuferisch und auch beim Schießen ging nicht viel. Ich bin schon ganz schön kaputt, körperlich und auch mental. Das ganze Drumherum im Weltcup, die Aufmerksamkeit, der Trubel, die Zuschauer – das ist schon eine andere Belastung als im IBU-Cup." Janina Hettich wird in den nächsten zwei, drei Wochen "nicht viel machen".