Akustik kann so komplex sein

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Do, 14. Februar 2019

Klassik

Das Kammerorchester Basel und der Pianist Mikhail Pletnev mit Bach, Mozart und Prokofjew bei den Freiburger Albert-Konzerten.

Orchesterwerke des Barock, der Wiener Klassik und aller Epochen drumherum heutzutage nicht historisch informiert zu spielen, gilt fast als Anachronismus. Richtig ist: Die Musikwelt hat der (Forschungs-)Arbeit der Interpreten und Ensembles der Originalklangbewegung enorm viel zu verdanken. Richtig ist aber auch: Historische Aufführungspraxis darf kein Reflex, kein Automatismus ohne Berücksichtigung des Kontextes sein. Der Auftritt des Kammerorchesters Basel bei den Freiburger Albert-Konzerten ist ein interessantes Beispiel dafür.

Denn der Klangkörper aus der Nachbarmetropole ist bekannt für seinen zupackenden Zugang zur Musik des 18. und frühen 19. Jahrhunderts – Beispiel der auch auf CD verewigte Beethoven-Zyklus unter Giovanni Antonini. In Freiburg steht zu Beginn Mozarts Haffner-Sinfonie D-Dur KV 385 auf dem Programm. In einer Besetzung, wie sie zu Mozarts Zeiten sicher üblich war – also mit eher schmalem Streicherapparat, zum Beispiel nur sechs ersten Violinen. Demgegenüber wirken die – geforderten – zwölf Bläser jedoch zu dominant, zumal im ersten Satz. Immer dann, wenn Mozart den gesamten Apparat fordert, überlagern die Bläserklänge deutlich die Streicher. Das kann etwas mit der Akustik im Freiburger Konzerthaus zu tun haben, raubt freilich der engagierten Interpretation der Basler unter Konzertmeister Daniel Bard ihre Balance, zumal in den beiden Ecksätzen. Anders ist das Bild im Andante und im Menuett, wo die Bläserdichte geringer ist und der fein austarierte und phrasierte Streicherton silbern zur Geltung kommt. Bard arbeitet, etwa im Menuett, mit starken artikulatorischen Elementen – so etwa in den Kontrasten zwischen erstem Teil und Trio.

Natürlich steht der Abend nicht unter dezidiert historisch-informierten Vorzeichen. Dann hätte Mikhail Pletnev gar nicht mit einem modernen Konzertflügel antreten dürfen. Der von ihm favorisierte Kawai kann vor allem bei Johann Sebastian Bachs f-Moll-Klavierkonzert BWV 1056 (komponiert für Cembalo) nicht überzeugen. Bei aller Perfektion von Pletnevs Anschlags, seiner traumwandlerischen Entwicklung musikalischer Phrasen und einer piano-Kultur knapp am Rande der Wahrnehmbarkeit, wirkt das Instrument doch etwas indifferent im Klang, obertonarm und "suppig".

Bei Mozarts c-Moll-Klavierkonzert KV 491 gewinnt die Sache ganz andere, deutlichere Konturen. Schon wenn Pletnev nach der langen Orchestereinleitung mit ihren ins Mysterium hinein gekehrten chromatischen Bläserdurchgängen das erste Solothema im Klavier anstimmt, spürt man, wie fein diese Interpretation Mozarts eigentümliche Gratwanderung zwischen Diesseits und Jenseitigkeit reflektiert. In der Solokadenz im ersten Satz wirkt nun auch der Flügel deutlich überzeugender, die Kontraste zwischen Bass-, Mittellage und Diskant sind fein abgestuft – Interpret und Instrument vermitteln das Klangbild einer unfassbaren Schönheit im Schlichten. Das gilt auch für den Dialog mit dem Orchester im Larghetto und das Finale, dessen Dur-Ende Pletnev mit einem schier unendlichen Vorhalt vor der Kadenz spannungsreich hinauszögert. Pletnev – der Empfindsame und Galante: Mit seiner Zugabe, Domenico Scarlattis d-Moll Sonate k 9, unterstreicht der Pianist beide Qualitäten nachdrücklich.

Die neoklassizistische Brücke in Richtung Gegenwart schließlich schlägt das Kammerorchester Basel mit Prokofjews Symphonie classique op. 25, besonders im Kopfsatz sehr moderat, gavotte-artig musiziert. Hier ist die Balance Streicher-Bläser deutlich ausgewogener: Akustik kann so komplex sein.