Missbrauch

Alle, die mit Kindern arbeiten, sollten trotzdem genau hinschauen

Ursula Nötzel

Von Ursula Nötzel (Offenburg)

Do, 02. Juli 2020

Leserbriefe

Zu: "Die Krux mit der Wahrheit", Beitrag von Frank Zimmermann (Die dritte Seite, 18. Juni)

Wenig hoffnungsvoll stimmt mich dieser Artikel, dass zukünftig mehr Fälle von Missbrauch aufgedeckt werden. Erzieherinnen und Erzieher und alle, die mit Kindern arbeiten, werden zwar ständig ermahnt, aufmerksam zu sein und jedem Verdacht nachzugehen. Doch wird dabei die perfide Vorgehensweise der Täter außer Acht gelassen. Zum einen geht von ganz kleinen Kindern kaum eine Aufdeckungsgefahr aus. Zum anderen sind die schlimmstenfalls Jahre andauernden Gräueltaten aber auch nur möglich, weil die Täter von ihrer Umwelt so positiv wahrgenommen werden, dass man es ihnen schlicht nicht zutraut. So erging es hier offenbar auch dem Richter und der Trägerschaft des Kindergartens. Der Erzieherin dann die späte Meldung vorzuwerfen, ist absurd, wenn man die – von ihr unter Umständen befürchteten – negativen Folgen ihrer Anzeige bedenkt.

Meines Erachtens ist das Hauptproblem, dass es für diejenigen, die Missbrauch aufdecken wollen, sehr schwer ist, bei der Aussage die untrügliche, körperlich spürbar aufgeladene Atmosphäre am Arbeitsplatz einem empathiearmen Vorgesetzten oder Richter begreiflich zu machen, damit das "Aussage gegen Aussage"-Ergebnis zumindest in Frage zu stellen und eine genauere Untersuchung zu fordern. Gesetzt den Fall, die Einstellung des Verfahrens war falsch, so fühlt sich der Kindergartenleiter vermutlich ab jetzt beobachtet, wechselt unter Umständen den Arbeitsplatz mit einem guten Zeugnis, um dann nicht vorbelastet weiterzumachen. Ich wünsche allen, die mit Kindern arbeiten, den Mut, trotzdem weiter genau hinzuschauen und Anzeige zu erstatten. Ursula Nötzel, Offenburg