Interview

Onlineunterricht fordert von den Schülern viel Disziplin und Organisation

Michael Gottstein

Von Michael Gottstein

Mo, 06. April 2020 um 14:09 Uhr

Bad Säckingen

Drei Lehrer der Hauswirtschaftlichen Schulen Bad Säckingen sprechen über die Vor- und Nachteile des digitalen Unterrichts.

BZ: Welche Fächer werden derzeit an den Hauswirtschaftlichen Schulen in Form des elektronischen Unterrichts abgehalten? Gibt es Fächer, die ausfallen?

Schnell: In allen theoretischen Fächern werden Aufgaben in digitaler Form bereitgestellt und über verschiedene Kanäle an die Schüler verteilt. In den praktischen Fächern – zum Beispiel Nahrungszubereitung, Textilarbeit, Labortechnik und Pflegeübungen – können die Schüler zur Zeit nicht arbeiten.

BZ: Wie muss man sich den Ablauf des Online-Unterrichts vorstellen?

Stegmaier: Der Online-Unterricht findet nach dem regulären Unterrichtsplan statt. Unsere Schüler sitzen zu Hause am Schreibtisch und loggen sich zum vereinbarten Unterrichtstermin ein. Wir befinden uns in einer großen Videokonferenz. Ich kann meinen Bildschirm wie ein Tafelbild mit den Schülern teilen – etwa wenn ich eine Grafik zeige oder ein Video abspiele. Die Schüler können sich "melden", wenn sie etwas beitragen oder fragen möchten – ganz so, als würden sie im Klassenraum sitzen. Ich bekomme dann eine Anzeige auf meinem Bildschirm und kann ihnen das Wort erteilen. So sind sogar kurze Diskussionen und Feedbackrunden möglich. Darüber hinaus gestalten meine Schüler durch gemeinsam erstellte Präsentationen den Unterricht mit. Wir freuen uns, dass die Schülerinnen und Schüler mit dieser neuen Situation sehr verantwortungsvoll umgehen. Alle scheinen sehr konzentriert bei der Sache zu sein, niemand ruft dazwischen oder beteiligt sich nicht.

Trotzdem muss ich mich im Online-Unterricht mehr anstrengen, die Stunden spannend zu gestalten, damit die Schüler aufmerksam bleiben. Zum Glück kann ich im Chat die Schüler in das Unterrichtsgeschehen einbinden und durch Online-Tests das Gelernte abrufen. Jede Stunde wird per Videostream aufgezeichnet. Somit ist gewährleistet, dass Schüler, die am Unterricht nicht teilnehmen, den Stoff jederzeit nachholen können.
Jochen Stegmaier (61) ist Oberstufenleiter des Sozialwissenschaftlichen Gymnasiums.

BZ: Wann hat das Sozialwissenschaftliche Gymnasium, beziehungsweise die anderen Zweige der Hauswirtschaftlichen Schulen, diese neue Form des Unterrichts eingeführt? Was waren die Gründe dafür?

Emmerich: Wir arbeiten an den Hauswirtschaftlichen Schulen Bad Säckingen seit 2010 mit der Lernplattform Moodle. Für die Schüler des Sozialwissenschaftlichen Gymnasiums – und nur für diese – wird der gesamte Unterrichtsinhalt von der elften bis zur 13. Klasse in Moodle dokumentiert, und interaktive Aufgaben sowie Tests stehen auf der Plattform auf den Unterricht abgestimmt bereit. Die Individualisierung und Binnendifferenzierung des Unterrichts ist dadurch möglich, so dass Schüler die Lerninhalte strukturiert im eigenen Lerntempo aufnehmen und zur Prüfungsvorbereitung nutzen können.
Alexander Emmerich (43) ist seit Oktober 2018 der stellvertretende Schulleiter der Hauswirtschaftlichen Schulen Bad Säckingen.

BZ: Wo liegen die Vorteile des Unterrichts mit digitalen Endgeräten?

Stegmaier: Da der Unterricht mit Tablets unmittelbarer auf die Lebenswirklichkeit der Schülerinnen und Schüler eingeht, wird er durchgehend als interessanter und abwechslungsreicher erlebt als der Regelunterricht. Referate und Präsentationen werden im überwiegend projektartigen Unterricht häufiger eingeübt, weisen daher eine höhere Qualität auf und bereiten somit auf die berufliche Wirklichkeit vor. Außerdem werden die Schüler daran gewöhnt, eigenverantwortlich nach Arbeitsplänen oder zu vorgegebenen Aufgabenstellungen zu arbeiten, zum Beispiel Wochenaufgaben im Fach Pädagogik/Psychologie. Sie verfügen nach Durchlaufen der Oberstufe am Sozialwissenschaftlichen Gymnasium in Tablet-Klassen über Fähigkeiten und Fertigkeiten, die sie auch in der Studien- und Arbeitswelt sinnvoll einsetzen können. Der Computer fördert auch die Individualisierung des Unterrichts: Jedem Schüler und jeder Schülerin können aufgrund des individuellen Leistungsstandes unterschiedliche Aufgaben zugewiesen werden. Weiterhin entwickeln die Schüler ein Gefahrenbewusstsein bei der Bewegung im Netz, zum Beispiel im Umgang mit sozialen Netzwerken, Viren, legalen und illegalen Downloads.
Hauswirtschaftliche Schulen Bad Säckingen

Im Berufsschulzentrum in Bad Säckingen sind die Hauswirtschaftlichen Schulen eine der drei beruflichen Schulen. Im Schuljahr 2019/20 werden etwa 350 Schüler in sieben Schularten von 46 Lehrern unterrichtet. Die Schulen bieten ein Vorqualifizierungsjahr Arbeit/Beruf, ein Berufseinstiegsjahr, je eine zweijährige Berufsfachschule für Pflege und Gesundheit sowie für Hauswirtschaft und Ernährung, das einjährige Berufskolleg mit der Fachrichtung Soziales, das Sozialwissenschaftliche Gymnasium sowie die Berufsschule für Hotel- und Gastronomie und Fachpraktiker Hauswirtschaft und Fachpraktiker Küche.

BZ: Und wo sehen Sie mögliche Probleme oder Nachteile?

Emmerich: Der Unterricht mit Tablets fordert von den Schülerinnen und Schülern ein hohes Maß an Selbstorganisation. Zudem müssen sie gleichzeitig dem Unterrichtsgeschehen folgen und ihr Tablet bedienen. Die Verwendung der Computer setzt wiederum Sachkompetenz im Umgang mit dem Arbeitsgerät voraus. Diese Fertigkeiten werden die Schülerinnen und Schüler im Unterricht behutsam erlernen. Für die Lehrkräfte ist der Vorbereitungsaufwand am Anfang deutlich höher als im herkömmlichen Unterricht. Lehrkräfte, die in Tablet-Klassen eingesetzt sind, werden an unserer Schule speziell fortgebildet. Da Tablets alleine noch keinen besseren Unterricht machen, muss allen Unterrichtsvorbereitungen die Überlegung zugrunde liegen, wann und in welchem Rahmen das Tablet fachdidaktisch sinnvoll eingesetzt werden kann.

BZ: Wie erfolgen die Leistungskontrollen? Müssen Schüler zu den Klausuren und Tests noch in der Schule erscheinen?

Schnell: Zurzeit sind keine Leistungsfeststellungen in Form von Klassenarbeiten möglich, aber mündliche Leistungen und Präsentationen können gehalten und benotet werden.
Carsten Schnell (53) wurde im Dezember 2017 zum Leiter der Hauswirtschaftlichen Schulen Bad Säckingen ernannt.

BZ: Wie sind die Rückmeldungen der Schüler: Mögen sie den Online-Unterricht oder akzeptieren sie ihn notgedrungen?

Emmerich: Die Schüler sind froh, dass sie ihre sozialen Kontakte im Onlineunterricht trotz der räumlichen Trennung aufrechterhalten können. Der rege Austausch über die Unterrichtsinhalte und die hohe Teilnahmequote zeigen, dass der Online-Unterricht gut ankommt. Dennoch freuen sich die Schüler schon jetzt wieder auf die Begegnung im Unterricht.

BZ: Wenn die derzeitige Krise einmal überstanden sein wird: Sind Sie froh, zum Unterricht im Klassenzimmer zurückkehren zu können oder werden Sie stärker als früher den Online-Unterricht weiterhin pflegen?

Stegmaier: Auch wenn der digitale Unterricht bei uns im Sozialwissenschaftlichen Gymnasium sehr gut funktioniert, vermissen wir den direkten Kontakt mit den Schülern. Die Schule als Lebensraum für gemeinsames Lernen kommt zu kurz. Außerdem erfordern einige Themen und Ausbildungsgänge an unserer Schule praktische Übungen und können nicht einfach online unterrichtet werden. Wir werden wahrscheinlich am Ende der Krise unseren Unterricht analog und digital gestalten und die Vorteile beider Zugänge zum Lernen nutzen. Dabei werden die Prüfungen und Tests überwiegend in analoger Form mit Stift und Papier weiterhin durchgeführt. Das Lernen auf Prüfungen im eigenen Lerntempo, individualisiertes Lernen können wir zeitgemäß mit digitalen Hilfsmitteln effizient und motivierend gestalten.