Kirchlicher Segen für Homosexuelle

Als Form der Liebe ist sie einen Segen wert

Matthias Küchle

Von Matthias Küchle (Ettenheim)

Do, 15. April 2021

Leserbriefe

Zu: "Theologen ohne Bibelkenntnis", Zuschrift von Heiko Lachmann (Forum, 31. März)

Heiko Lachmann hat natürlich recht: "Theologen ohne Bibelkenntnis" – das geht gar nicht. Aber genauso schlimm ist Bibelnutzung ohne das Bemühen um Textverständnis. Für die Texte aus unserer eigenen Welt haben wir meistens ein Gefühl: Sind es Sachtexte, verwenden die Texte Bilder, die ich übersetzen muss. Dass das nicht immer funktioniert, bemerken wir an den Missverständnissen, die uns passieren.

Von dem jüdischen Religionswissenschaftler Pinchas Lapide (1922–1997) stammt das Wort: "Es gibt im Grunde nur zwei Arten des Umgangs mit der Bibel. Man kann sie wörtlich nehmen oder man nimmt sie ernst." Wer einen biblischen Text aus dem Textzusammenhang und aus dem geschichtlichen Zusammenhang reißt – wie zum Beispiel die von Lachmann zitierte Stelle –, nimmt sie nicht ernst. Mindestens muss man sich doch fragen, warum hier anscheinend nur die männliche Homosexualität verurteilt wird, nicht aber die weibliche. Immerhin zitiert Lachmann auch die angedrohte Folge: "(Sie) sollen des Todes sterben". Plädiert Herr Lachmann für die Todesstrafe?

Wenn manche Stellen der Bibel als wörtlich verbindlich akzeptiert werden, warum nicht alle? Man muss etwa überlegen, ob der Mensch am Anfang oder am Ende des Schöpfungshandelns Gottes steht (Gen 1 oder Gen 2), ob Fleisch zu essen, erlaubt ist (nein: Gen 1, 29f.), ob Arbeit am Sabbat "den Tod verdient" oder kein Feuer angezündet werden darf (Ex 35, 2f.) und so weiter. Ein Glaube, der zum Leben hilft, muss sich auch mit der modernen Naturwissenschaft auseinandersetzen und zum Beispiel wahrnehmen, dass Homosexualität keine Frage der Entscheidung ist. Als eine Form der Liebe, die dem Paar zum Leben hilft und niemandem schadet, ist sie alle Mal einen Segen wert. Matthias Küchle, Ettenheim