Schwarzer Tod

Deutsche Forscher haben den Geburtsort der mittelalterlichen Pest gefunden

Roland Knauer

Von Roland Knauer

So, 03. Juli 2022 um 13:19 Uhr

Bildung & Wissen

Genanalysen von Forschern aus Leipzig zeigen: Die verheerende Pestpandemie des 14. Jahrhunderts hatte ihren Ursprung in Zentralasien – und zwar im heutigen Kirgistan an einem Gebirgssee.

Wo kam er her, der Schwarze Tod? Über den Ursprung der mittelalterlichen Pest, der in der Mitte des 14. Jahrhunderts ein Gutteil der europäischen Bevölkerung zum Opfer fiel, wird seit Jahrzehnten gerätselt. Handfeste Daten gab es bisher kaum. Jetzt aber haben Johannes Krause vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und sein Team einen Volltreffer gelandet: Demnach entstand die Pest im heutigen Kirgistan.

Ausgangspunkt der Pandemie waren offensichtlich Bakterien, die noch heute in den Ausläufern des dortigen Tian-Shan-Gebirges Nagetiere infizieren. Das berichten Krause und sein Team in der Zeitschrift Nature.

Vielleicht hat es sich ja so zugetragen: Im Jahr 1338, oder auch kurz vorher, erlegt ein Jäger dort ein Murmeltier, das mit dem Bakterium Yersinia pestis infiziert war. Flöhe übertrugen das Bakterium auf andere Nagetiere wie Ratten, die in der Umgebung der Menschen lebten. Später gaben Flöhe das Bakterium auch an Menschen weiter, die an der Pest erkrankten und den Erreger dann über andere Flöhe an ihresgleichen übertrugen.

Die Pest hielt sich einige Jahrhunderte in Europa

Als Handelsreisende die mittelalterliche Pest über das Schwarze Meer ins Mittelmeer trugen, begann eine der verheerendsten Pandemien in der Geschichte der Menschheit. Allein in den acht Jahren von 1346 bis 1353 könnten der auch "Schwarzer Tod" genannten Pest bis zu 60 Prozent der Bevölkerung in Europa und im Westen Asiens zum Opfer gefallen sein. Für einige Jahrhunderte hielt die Seuche Europa in Atem.

Über die jetzt vorgelegte Studie sagt Philipp Stockhammer von der Ludwig-Maximilians-Universität in München, der daran nicht beteiligt war: "Das ist ein fantastisches Ergebnis." Schließlich sei bereits seit vielen Jahrzehnten über den Ursprung der mittelalterlichen Pest gerätselt worden, so der Archäologe.

Oft konzentrierten sich die Vermutungen auf China – die Überlegung war, dass der Erreger über die Seidenstraße von dort nach Europa gekommen sein könnte. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts keimte allerdings der Verdacht auf, dass der Schwarze Tod in der Nähe des 182 Kilometer langen und 60 Kilometer breiten Yssykköl-Sees die Menschheit erreicht hätte. Ausgrabungen in den Jahren 1885 bis 1892 zeigten, dass 1338 und 1339 außergewöhnlich viele Menschen auf zwei Friedhöfen in der Umgebung des Gewässers beerdigt worden waren. Auf einigen Grabsteinen wurde auch eine verheerende Seuche erwähnt. Es gab auch erste Hinweise auf die Pest als Ursache, nur konnte dieser Verdacht bisher nicht erhärtet werden.

1345 starben an der Wolga und auf der Krim die ersten Europäer an der Pest

Die in syrisch-aramäischer Sprache verfassten Inschriften auf den Grabsteinen, in den Gräbern gefundene Münzen und andere Grabbeigaben sowie historische Aufzeichnungen verrieten der Gruppe um Johannes Krause, dass in dieser Region Händler lebten, die in verschiedenen Gebieten Asiens Geschäfte machten. Damals gehörte die Gegend, die in den heutigen Staaten Kirgistan und Usbekistan liegt, zu einem der vier Khanate, in die das Mongolenreich von Dschingis Khan zerfallen war. Der nördliche Nachbar war das Khanat der Goldenen Horde, das vom heutigen Kasachstan und dem Westen Sibiriens bis an das Schwarze Meer zur heutigen Ukraine und dem Süden Russlands reichte. Dort starben an der unteren Wolga und auf der Halbinsel Krim 1345 die ersten Europäer an der mittelalterlichen Pest. Als die Goldene Horde 1346 die Stadt Kaffa auf der Krim belagerte, erreichte die Pest das weitverbreitete Handelsnetz des Stadtstaates Genua, der damals die Hafenstadt am Schwarzen Meer hielt. Vom Schwarzen Meer ausgehend erreichte die Seuche so das Mittelmeer und breitete sich in gerade einmal acht Jahren über weite Teile Europas und Nordafrikas aus.

Aber handelte es sich bei der Seuche der Jahre 1338 und 1339 in der Gegend des Yssykköl-Sees wirklich um die Pest? Diese Frage wollten Johannes Krause und sein Team mit Hilfe von sieben dort Bestatteten klären, deren Überreste seit den Ausgrabungen am Ende des 19. Jahrhunderts im Kunstkammer-Museum in Sankt Petersburg aufbewahrt werden. Aus jeweils einem Zahn versuchte die Gruppe Erbgut zu isolieren, in drei der Proben gelang der Nachweis von Yersinia pestis, und in zwei Fällen konnte sogar das gesamte Erbgut des Erregers rekonstruiert werden.

Forscher entdecken Geburtsstunde des Pesterregers

"Diese beiden alten Pestbakterien-Genome waren nicht nur identisch, sondern sind auch Zeitzeugen des Urknalls der Entwicklung des Schwarzen Todes", erklärt Johannes Krause. Die Pest als Erreger war ja nicht neu – schon in fast 5000 Jahre alten Skeletten lässt er sich nachweisen, steinzeitliche Gesellschaften waren betroffen. Aber der Erreger all dieser früheren Fälle unterschied sich noch deutlich von dem der spätmittelalterlichen Pest.

"Da haben Johannes Krause und sein Team wirklich einen Volltreffer gelandet." Philipp Stockhammer

Das von Krause isolierte Erbgut zeigt so etwas wie die Geburtsstunde dieses Pesterregers: Aus Bakterien mit diesem Erbgut entstand nämlich der sehr ähnliche Erreger, der den Schwarzen Tod der Jahre 1346 bis 1353 verursachte – und bis in das frühe 19. Jahrhundert hinein für etliche weitere Ausbrüche sorgte. Von diesem gemeinsamen Ahnen stammen außerdem drei weitere Zweige der Pest ab, die gemeinsam mit dem vierten Zweig etwa 80 Prozent aller heute bekannten Pestlinien stellen.

"Da haben Johannes Krause und sein Team wirklich einen Volltreffer gelandet", meint Philipp Stockhammer. "Und das auch in Bezug auf die tatsächliche Herkunft der heute zirkulierenden Pest-erreger."

Können die Bakterien nicht aus China eingeschleppt worden sein?

Aber können die Bakterien nicht doch in die Region um den Yssykköl-Sees eingeschleppt worden sein – etwa von China aus? Um diese Frage zu klären, haben sich Krause und sein Team das Erbgut jener Yersinia-pestis-Bakterien angeschaut, die noch heute Nagetiere in aller Welt befallen. Am engsten verwandt mit den Urknall-Erregern sind die Bakterien, die noch heute im Tian-Shan-Hochgebirge und an seinen Ausläufern ganz in der Nähe des Fundortes Nagetiere infizieren.

Obendrein existieren in dieser Region auch heute noch Reservoirs der anderen drei Zweige der heute zirkulierenden Pesterreger. "Höchstwahrscheinlich entstand also genau dort in der Umgebung des Yssykköl-Sees am Anfang des 14. Jahrhunderts die mittelalterliche Pest, und damit einer der schlimmsten bekannten Pandemien der Menschheitsgeschichte", erklärt Johannes Krause.

Mehr zum Thema: