Infektionskrankheit

Coronavirus: Experten sehen "sehr geringes" Risiko für Deutschland

Bernhard Walker

Von Bernhard Walker

Mi, 22. Januar 2020 um 07:38 Uhr

Panorama

Ein neuartiges Virus greift in China um sich. Auch aus immer mehr anderen Ländern werden vereinzelte Infektionen gemeldet. Droht der Welt eine neue Pandemie?

In China breitet sich das neue Coronavirus weiter aus: Inzwischen gibt es 308 Personen, die aufgrund des Virus an einer Lungenkrankheit leiden. Sechs Infizierte sind gestorben; alle hatten Vorerkrankungen. In anderen asiatischen Staaten gibt es aktuell vier Fälle, in den USA einen. Das Robert-Koch-Institut (RKI) hält das Gesundheitsrisiko für die Bundesbürger für "sehr gering".

Auftreten des Virus
Erstmals berichteten die zuständigen Behörden in Wuhan von 27 Fällen einer Lungenentzündung am 31. Dezember. Hier stand der Verdacht auf eine neue Infektionsquelle im Raum. Am 9. Januar wurde ein neues Coronavirus namens "2019-nCoV" als Ursache entdeckt. Der Ausbruch geht nach Experteneinschätzung auf einen Markt in Wuhan zurück, auf dem bis zu seiner Schließung am 1. Januar Meeresfrüchte und Fleisch verkauft wurden. Forscher vom "Imperial College" in London hatten am 17. Januar betont, dass sie mit deutlich steigenden Infektionszahlen rechnen – weil die Stadt Wuhan elf Millionen Einwohner hat und es viele Flugverbindungen dorthin gibt.

Nach Angaben des Portals flightmapper.net bestehen derzeit zwar nur sechs Direktflüge von Wuhan in europäische Städte (Lüttich, Paris, Rom, Luxemburg, Moskau, London). Allerdings kann man von Wuhan mehr als 80 chinesische Flughäfen sowie Ziele in Fernost, Australien und den USA mit Direktverbindungen erreichen. Dazu kommt, dass derzeit wegen des chinesischen Neujahrsfests unzählige Bürger auf Reisen innerhalb Chinas unterwegs sind. Die italienischen Behörden wollen bei Reisenden, die direkt aus Wuhan in Rom eintreffen, darauf achten, ob sie Symptome einer Ansteckung mit "2019-nCoV" aufweisen.

Übertragungswege, Ausbruch und Impfung
Die Übertragung von Mensch zu Mensch ist bestätigt. So haben sich auch mehr als ein Dutzend Klinikmitarbeiter in China sowie Personen, die nicht auf dem Markt in Wuhan gewesen sind, an "2019-nCov" angesteckt. Das Virus führt zu Fieber, Husten, Atemnot und Lungenversagen. Die Inkubationszeit des Erregers beträgt etwa zwei Wochen. Der britische Virologe John Oxford weist darauf hin, dass ein Ausbruch von Corona-Viren anders abläuft als die Infektion mit einem Grippe-Erreger: "Sie verbreiten sich nicht so leicht. Und bislang gibt es auch keine Anzeichen, dass sie auch nur annähernd vergleichbar schnell mutieren würden wie Influenza-Erreger." Einen Impfstoff gibt es nicht. Um die Ausbreitung zu stoppen, versuchen die chinesischen Behörden, die Desinfektion von Märkten, Kliniken, Bahnhöfen und anderen öffentlichen Orten zu stärken. Die WHO hat Empfehlungen zur Vorbeugung und Kontrolle der Infektion an Kliniken und Behörden versandt.

Ausbreitung außerhalb Chinas
Das Virus kann nach Europa gelangen, auch wenn das Europäische Zentrum für Krankheitsprävention (ECDC) betont, dass es dafür nur eine "geringe Wahrscheinlichkeit" gebe. Bisher gebe es keine Hinweise auf eine "fortgesetzte Übertragung von Mensch zu Mensch". Diese Einschätzung kann sich aber, so das RKI, "aufgrund neuer Erkenntnisse kurzfristig ändern." Sollte ein Fall in Deutschland auftauchen, würde der Kranke in einer Klinik in einem Zimmer mit Vorraum (Schleuse) isoliert und behandelt. Bei einem wider Erwarten weit verbreiteten Ausbruch kann Deutschland auch seinen nationalen Pandemieplan auslösen. Das Konzept haben Bund und Länder erstmals 2005 erstellt. Es legt dar, welche staatliche Ebene im Krisenfall, welche Maßnahme zur Eindämmung eines Krankheitsgeschehens einleiten muss.

Rolle der WHO
Für diesen Mittwoch ist eine Sitzung des Notfallausschusses anberaumt. Er soll entscheiden, ob die WHO einen Krisenfall feststellt.

Wenn es dazu kommt, treten Vorgaben und Empfehlungen in Kraft. Dafür hat die WHO ein Spektrum, das von verstärkten Gesundheitskontrollen an Flughäfen oder Grenzstationen bis zu Grenzschließungen reicht.

Ob und wenn ja, welche Empfehlungen die WHO mit Blick auf "2019-nCoV" ausspricht, ist offen. China hatte weltweit keinen guten Ruf, was die Kooperation bei Infektionsleiden anbelangt. Dahinter steht die Geheimniskrämerei, die Peking beim Ausbruch des Sars-Virus im Jahr 2002 lange betrieb. Sars löst das Schwere Akute Atemwegssyndrom aus. An Sars waren damals weltweit 8096 Menschen erkrankt, 774 starben. Die WHO betont, dass sich die Haltung Pekings geändert habe: "Chinas Fähigkeiten, übertragbare Krankheiten und Gesundheits-Notlagen zu diagnostizieren, zu behandeln und zu managen, haben sich in den letzten 20 Jahren deutlich erhöht. China hat ein starkes Überwachungssystem zur Entdeckung und Kommunikation von Krankheiten aufgebaut."