London

Darts-Weltmeisterschaft endet genauso verrückt, wie sie verlief

dpa

Von dpa

So, 03. Januar 2021 um 22:48 Uhr

Sonstige Sportarten

Gerwyn Price ist Darts-Weltmeister. In einem spektakulären Finale schlägt er Gary Anderson. Die WM in London verlief turbulent – und ein Spieler aus dem Saarland überraschte dabei.

Als Ex-Rugby-Profi kann Gerwyn Price aus Wales mit Drucksituationen umgehen. Hat das im Finale gegen Gary Anderson aus Schottland, der in den letzten Legs immer wieder Nerven zeigte, den Ausschlag gegeben? Nach neun von Price vergebenen Match-Darts hatte Anderson einen letzten Satz für sich gerettet, doch am Ende war der zweimalige Weltmeister entthront: Price sicherte sich mit dem insgesamt 12. Match-Dart den Titel – als erster Waliser in der Geschichte der PDC.

Der 35-Jährige gewann das Finale mit 7:3 und eroberte damit auch ein Preisgeld von 500.000 Pfund (rund 559.000 Euro). Für Price ist die Eroberung der rund 25 Kilogramm schweren Sid-Waddell-Trophy der mit Abstand größte Erfolg seiner Laufbahn. Anderson verpasste seinen dritten WM-Titel nach 2015 und 2016.

Im Ranking löst der polarisierende Muskelprotz Price den bisherigen Abo-Primus Michael van Gerwen ab. Der Niederländer hatte die Weltrangliste seit Januar 2014 ununterbrochen angeführt und muss den Spitzenplatz nach seinem Aus im Viertelfinale nun abgegeben.



Price gewann 2020 nicht nur das wichtigste Turnier, sondern holte auch insgesamt die meisten Titel. Bei der WM überstand er mehrere kritische Situationen wie beim 3:2 gegen Landsmann Jamie Lewis oder bei den knappen Siegen gegen die beiden Nordiren Brendan Dolan (4:3) und Daryl Gurney (5:4). Am Sonntagabend spielte er famos und ließ keine Zweifel, wer den ersten großen WM-Titel des Jahres 2021 holt.

"The Flying Scotsman" geriet in seinem fünften WM-Endspiel schnell ins Hintertreffen. Price zeigte von Anfang an sein bestes Niveau und traf zwischenzeitlich 80 Prozent seiner Würfe auf die Doppelfelder. Der Waliser ging fix 4:1 in Führung und pushte sich immer wieder mit lauten Jubelschreien. Routinier Anderson spielte nicht schlechter als auf dem beeindruckenden Weg ins Finale, musste sich aber einem überragenden Widersacher geschlagen geben. Price spielte sogar acht perfekte Darts und verpasste den Neun-Darter nur haarscharf.



Die Aufeinandertreffen zwischen Anderson und Price verlaufen häufiger mal etwas hitziger. Der stets gelassene Schotte und der in höchstem Maße impulsive Waliser gerieten im Herbst 2018 schon einmal aneinander, als Price im Finale des Grand Slams besonders laut jubelte und provozierte - und dann mit 16:13 seinen ersten größeren Titel holte.

"Iceman" Price wurde danach mit einer saftigen Geldstrafe belegt und monatelang von den Fans ausgebuht, weil sein teils prolliges Verhalten nicht besonders gut ankam. Anderson hingegen war auch bei dieser WM wieder genervt und rügte seine Gegner, wenn diese sich beim Werfen der Pfeile zu viel Zeit ließen.

Vor dem Finale antwortete der Schotte auf die Frage, was für ein Endspiel er erwarte: "Ich werde ruhig sein, er laut."

Zuschauer, keine Zuschauer, Corona und das perfekte Spiel

Der Grinch: Partyzustände in Zeiten von Corona? Was Fans und Verantwortliche am ersten WM-Abend erfreute, blieb ein später nicht mehr erreichtes Highlight. Der Auftaktabend war der einzige, an dem 1000 Zuschauer zugelassen wurden – und sie wurden bestens unterhalten: Der stets mit bunten Outfits und noch bunteren Haaren spielende Weltmeister Peter Wright kam in einem kreativen "Grinch"-Outfit auf die Bühne. Die Menge tobte, wie sie gemäß der Corona-Regeln gar nicht toben sollte. Der 3:1-Sieg über Steve West geriet wegen der famosen Bühnenshow von Wright zur Nebensache.

Saarland und Spektakel: Der Saarländer Gabriel Clemens begeisterte bei der WM so, dass selbst sein Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) gratulierte. Der Mechaniker mit dem Spitznamen "Gaga" zog als erster Deutscher in der WM-Geschichte ins Achtelfinale ein und sorgte beim packenden Sieg über Titelverteidiger Wright für den bisher größten deutschen Darts-Erfolg. Trotz seines eher nüchternen Auftretens sahen im Achtelfinale mehr als eine Million Menschen bei Sport 1 zu. Sein Telefon stehe nicht mehr still, berichtete Clemens, der dann gegen Krzysztof Ratajski (Polen) verlor.

Das perfekte Spiel: Der Neun-Darter von James Wade ist das Symbol für das überragende sportliche Niveau, das die Darts-WM 2021 brachte. "The Machine" gelang beim wichtigsten Turnier des Jahres der erste Neun-Darter seit Januar 2016, er schied im gleichen Match trotzdem aus. Beim perfekten Spiel wirft ein Profi mit neun Pfeilen von 501 auf 0. Neben dem besonderen Moment von Wade weckten vor allem die Darts-Krimis von Clemens (4:3 gegen Wright und 3:4 gegen Ratajski) das Interesse der Deutschen. Sportlich war der 4:3-Sieg von Michael van Gerwen gegen den Engländer Joe Cullen das Highlight der WM.

Corona-Wirren: Gerade einmal eine Woche, nachdem der Turnierstart mit Fans über die Bühne ging, herrschte in London Chaos. Eine in Großbritannien entdeckte Corona-Mutation ließ zahlreiche Profis auf der Insel festsitzen. Alle Festland-Europäer, die sich noch im Turnier befanden, mussten Weihnachten in London verbringen. Statt Bescherung mit den eigenen Kindern in der Heimat gab es Dinner mit den Kollegen im Spielerhotel.

Klatsche für den Besten: In seinen sieben Jahren als Nummer eins der Welt ist Michael van Gerwen (Niederlande) selten so abgefertigt worden wie am Neujahrstag. Das klare 0:5 gegen Englands Dave Chisnall traf "Mighty Mike" wie eine Ohrfeige. "Ich bin komplett am Boden zerstört", sagte van Gerwen. Er könne sich "nur selbst die Schuld geben" und sei "bitter enttäuscht". Letztmals ohne eigenen Satzgewinn bei der Weltmeisterschaft verloren hatte van Gerwen Ende des Jahres 2008, als er gerade einmal 19 Jahre jung war. Für den hochdekorierten Niederländer war es der triste Schlusspunkt eines sehr enttäuschenden Jahres 2020.
Wie das Darts-Jahr 2021 aussieht, ist coronabedingt noch vollkommen unklar. Ein Kalender ist noch nicht veröffentlicht, viele Turniere im Winter und Frühjahr werden weiter ohne Zuschauer stattfinden müssen. Bis zur nächsten WM in einem Jahr in London wird es aber schwer werden, Price von der Spitze der Rangliste zu stoßen. Auf van Gerwen hat er in der Order of Merit ein Polster von über 270.000 Pfund.