Die Ängste der Deutschen

Das Coronavirus fürchten viele deutlich weniger als Donald Trump

dpa

Von dpa

Do, 10. September 2020 um 20:30 Uhr

Panorama

Die jährliche Umfrage zu den Ängsten der Deutschen bietet dieses Jahr einige Überraschungen. Die wichtigste: Der Angstindex rangiert auf dem niedrigsten Niveau seit fast 30 Jahren.

Ist der Geldbeutel für die Bundesbürger wichtiger als ihre Gesundheit? Nach der repräsentativen Umfrage "Die Ängste der Deutschen" sorgen sich die Bundesbürger in der Corona-Pandemie in erster Linie um ihren Wohlstand. Beim Thema Ansteckung bleiben sie dagegen gelassen. Die größte Sorge aber ist politisch: Sie gilt US-Präsident Donald Trump.

Wer die Deutschen in der Corona-Krise für ein Volk von Angsthasen hält, liegt daneben. Der Angstindex, also der Durchschnittswert der langjährig abgefragten Sorgen, rangiert mit 37 Punkten sogar auf dem niedrigsten Niveau seit Beginn der Befragung vor fast 30 Jahren. Dieses Ergebnis ist ein krasser Gegensatz zum Jahr 2016, als Ängste vor Terrorismus und Extremismus, vor Spannungen durch Zuwanderung sowie Sorgen vor einem Krieg mit deutscher Beteiligung den Index auf 52 Punkte schnellen ließen – den höchsten Wert der vergangenen zehn Jahre.

Die Umfrage "Die Ängste der Deutschen" wird seit 1992 von der R+V-Versicherung in Auftrag gegeben. Sie lief von 8. Juni bis 21. Juli, 2400 Menschen ab 14 Jahren wurden persönlich befragt. Die Studie gilt Forschern wegen ihres Langzeit-Effekts als kleiner Seismograph der Befindlichkeiten rund um Politik, Wirtschaft, Umwelt, Familie und Gesundheit. Hier ausgewählte Ergebnisse der Umfrage im Einzelnen:

Eine Gefahr für die Welt:
Zum zweiten Mal nach 2018 ist US-Präsident Trump der Buhmann der Nation. Rund die Hälfte der Interviewten (53 Prozent) stuft seine Politik als ein Problem ein, das die Welt gefährlicher macht. Manfred Schmidt, Politikwissenschaftler an der Universität Heidelberg, der die Ängste-Umfrage seit fast 20 Jahren analysiert, wundert das wenig. "Trump sorgt mit seiner Außenpolitik immer wieder für schwere internationale Verwicklungen", sagt er. Darunter seien handels- und sicherheitspolitische Attacken, auch gegen Deutschland.

Sorge um den Wohlstand:
Angst um die Wirtschaft dominiert nach sechs Jahren Pause wieder die ganz großen Sorgen der Deutschen. Die Hälfte der Befragten (51 Prozent) befürchtet steigende Lebenshaltungskosten. Damit ist diese Sorge unter den Top-Ten-Ängsten. Darüber hinaus rechnet knapp jeder zweite Befragte (49 Prozent) mit Kosten für die Steuerzahler durch die neue EU-Schuldenkrise und eine schlechtere Wirtschaftslage. Nur ein Viertel der Interviewten hat bisher jedoch Angst vor eigener Arbeitslosigkeit. Für Wissenschaftler Schmidt spiegelt dieses Ergebnis Realismus: Schließlich erlebe die Bundesrepublik durch die Corona-Krise den stärksten Wirtschaftseinbruch ihrer Geschichte.

Angst vor Covid-19:
Die Sorge vor einer eigenen schweren Corona-Erkrankung rangiert dagegen mit 32 Prozent weit abgeschlagen auf dem 18. Platz von 20 abgefragten Ängsten. "Nach unseren Erkenntnissen haben die Menschen deutlich mehr Angst davor, dass das Virus ihren Wohlstand bedroht als ihre Gesundheit", resümiert Leiterin der Umfrage, Brigitte Römstedt.

Sorgen wegen Zuwanderung:
Im Vergleich zu den vergangenen fünf Jahren sind die Sorgen um Zuwanderung stark gesunken. Sie gingen um mehr als zehn Prozentpunkte zurück und liegen damit auf dem niedrigsten Stand seit dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise 2015. Dennoch haben weiterhin mehr als 40 Prozent der Befragten Sorge vor Spannungen infolge des Zuzugs von Ausländern und einer Überforderung des Staates durch Flüchtlinge. Das sind Platz sechs und sieben der Top-Ängste.

Unterschiede in Ost und West:
In den Jahren 2016 und 2017 schien Deutschland mit Blick auf Ängste der Bundesbürger nach langer Kluft vereint. Es gab kaum Unterschiede. Seitdem entwickelt es sich aber wieder auseinander – vor allem beim Thema Zuwanderung. In Ostdeutschland sind fast zwei Drittel der Befragten der Ansicht, dass die große Zahl der Geflüchteten die Deutschen und ihre Behörden überfordern, im Westen sind es 39 Prozent. Konflikte durch weitere Zuwanderung fürchten 56 Prozent der Ostdeutschen, im Westen 40 Prozent.