"Das ist Notwehr"

Das Gespräch führte

Von Das Gespräch führte

So, 01. September 2019

Vogtsburg

Der Sonntag Der Journalist Arno Luik geht hart mit der Deutschen Bahn ins Gericht.

Sein Vater war der letzte Bahnhofsvorsteher in Königsbronn, er selbst ist einer der schärfsten Kritiker der Deutschen Bahn und doch ein "großer Bahnfreund", wie Arno Luik über sich sagt. Am 8. September liest der Stern -Journalist in Vogtsburg-Oberrotweil aus seinem neuen Buch.

Der Sonntag: Die Presse, haben Sie gesagt, ist als Vierte Gewalt im Staat dazu da, den Politikern auf die Finger zu schauen und, wenn’s sein muss, auch zu hauen. Auf die Bahn hauen Sie besonders gern?

Ich haue die Bahn nicht. Sie aber radikal zu kritisieren, das ist eher eine Notwehr, wenn Sie so wollen: eine Bürgerpflicht. Denn es ist frech, wie sich diese Bahn jenen Bürgen gegenüber benimmt, die sie finanzieren. Wir Steuerzahler pumpen in die Bahn über 10 Milliarden Euro jährlich, wirklich viel Geld, sie könnte, sie müsste also gut sein, aber das ist sie nicht. Aber statt hier perfekt zu funktionieren, ist die Bahn in 140 Ländern unterwegs und zu einem weltweiten Logistikkonzern mutiert, in dem die Sonne nie untergeht. Sie agiert in Ländern wie Bahrein, Kirgisien, Sri Lanka, Aruba. Da hat sie nichts verloren, aber im Ausland ist sehr viel Bahn-Geld, im Klartext: Steuergeld verschwunden.

Der Sonntag: Das ist ein Grund, weshalb die Bahn hierzulande eine Zumutung ist?

Ja, und das spürt der Bahnkunde – Tag für Tag. Jeden vierten Tag brennt in Deutschland ein Zug, eine Lok. Muss das sein? Nein. Deutschland nennt sich Hochtechnologiestandort, aber 2017 fielen 140 000 Züge aus. Irre.
Der Sonntag: Kann es sein, dass Sie ein wenig übertreiben?

Nein. Das Dramatische ist: Wir hatten, bis zur Bahnreform 1994, mal eine Bahn, die so gut war wie die Schweizer Bundesbahn. Das ist aus dem kollektiven Bewusstsein inzwischen verschwunden. Nach der Bahn konnte man, so hieß ja auch das Sprichwort, früher seine Uhr stellen. Das wissen die Jüngeren gar nicht mehr. Seit der Bahnreform 1994 ist dieses nahezu optimale System aber in einen Zustand gebracht worden, der mehr als besorgniserregend ist. Es wurde mutwillig zerstört.
Der Sonntag: Wer ist schuld am Desaster?

Die Politik wollte das so, konkret das Bundeskanzleramt, die Verkehrsminister, der Verkehrsausschuss und der Aufsichtsrat der Bahn. Sie wollten keine Bürgerbahn mehr, sondern eine Börsenbahn, die nur noch zwischen den großen Metropolen agiert. Mit der Bahnreform sollte die Bahn an die Börse gebracht, privatisiert werden. Und für dieses Ziel wurde gespart, wo es nur geht, dafür wurden Menschen entlassen, so viele wie möglich. Haupttäter sind die Bahnchefs Hartmut Mehdorn und Rüdiger Grube – beide hatten überhaupt keine Ahnung von der Bahn. Sie kamen aus der Auto- und Luftfahrtindustrie. Würde der SC Freiburg, wenn er einen Top-Mittelstürmer sucht, ihn für wahnsinnig viel Geld von einem Basketballverein holen?

Der Sonntag: Sie haben jede Menge besorgniserregendes Material gesammelt. Wie kamen Sie an Ihre Informationen?

Whistleblower haben mich mit Insider-Material versorgt, dass ich manchmal fast vom Hocker gefallen bin. Ich bekam zum Beispiel zum Immobilien- und Bahnprojekt Stuttgart 21 Tausende von Seiten von Dossiers, interne und geheime Analysen für den Bahn-Vorstand. Die kamen von einem Whistleblower, der innerlich zerrissen war, in einem mentalen Ausnahmezustand: Da war die Loyalität zu seinem Arbeitgeber, aber da war auch sein Leben als Bürger, der erkannte: Was wir hier bauen, ist nicht zu verantworten. Wir verschwenden nicht nur Milliarden Euro, wir konstruieren etwas, das kaum funktionieren wird, etwas, das den Bahnverkehr massiv behindern wird, aber vor allem bauen wir etwas, das für die Kunden lebensgefährlich wird. Ein international renommierter Brandschutzexperte, der für mich das S21-Brandschutzkonzept analysiert hat, sagte: "Das ist ein Staatsverbrechen, was die hier planen. Sie konstruieren eine Katastrophe sehenden Auges." Er rief verzweifelt: "Die dürfen das nicht bauen!"
Der Sonntag: Warum geschieht es dennoch?

Weil sie unter anderem Lust haben, etwas Großes zu bauen. Spuren zu legen, die keiner verwischt. Ich war ja mal als Experte zu einer Anhörung in Sachen S21 in den Bundestag geladen. Die meisten Politiker haben den Argumenten nicht zugehört, Fakten interessierten sie nicht. Da war einfach das Credo: Wir haben mal beschlossen, dass wir das Ding bauen, und dann bauen wir es.
Der Sonntag: Bei aller Kritik: Die Bahn gilt als eines der ökologischsten Verkehrsmittel. Sie aber sagen, dass die ökologische Verkehrswende mit dieser Bahn unmöglich sei?

Sie ist mit dieser Bahn auf unabsehbare Zeit nicht möglich, und das ist leider keine Polemik. Das dokumentieren einfach die objektiven Zahlen: Gab es 1994 noch 131 968 Weichen und Kreuzungen, so sind es derzeit nur noch 70 031. Gab es 1994 noch 40 457 Kilometer Schiene, so sind es heute bloß noch 33 448 Kilometer – also 20 Prozent weniger. Hatte die Bahn vor zehn Jahren noch über 100 000 Güterwagen, sind es heute bloß noch rund 65 000. Diese dramatische Reduzierungen machen die Bahn leistungsunfähig, sie machen sie leider unattraktiv und unfähig, die Versprechungen der Politiker umzusetzen: Mehr Güter auf die Bahn! Mehr Personen in die Züge!
Das Gespräch führte Katja Russhardt