Hochschwarzwald

Der Ranger Nikolas Binder ist Artenschützer auf dem Kandel und dem Rohrhardsberg

Otto Schnekenburger

Von Otto Schnekenburger

Mo, 04. Juli 2022 um 12:30 Uhr

Der Sonntag

Der Sonntag Er ist der Erste seiner Art. Seit Jahresbeginn gibt es auch auf dem Kandel – und dem Rohrhardsberg bei Schonach – einen Ranger. Nikolas Binder sieht sich als Vermittler zwischen Besuchern und der Natur.

Es ist ein dunkler, wolkenverhangener Vormittag, an dem Binder zu einem Rundgang auf dem prominenteren "seiner" zwei Berge lädt. Schon wenige Meter nach Verlassen des an sonnigen Wochenenden von Besuchern intensiv genutzten Parkplatzes knapp unter dem 1242 Meter hohen Gipfel macht der Ranger darauf aufmerksam, dass die Wiesen rechts und links des schmalen Weges in Richtung Kandel-Hochmoor aus nährstoffarmem Borstgrasrasen bestehen. Und die Besucher den Weg hier daher nicht verlassen dürfen. Dies zu überwachen und vor allem den Wanderern nahezubringen, zählt zu seinen Aufgaben.

Nährstoffarm bedeutet schützenswert, eine Gleichung, die nicht jedem auf Anhieb einleuchtet. Aber hier wachsen und blühen Pflanzen, die auf nährstoffreicheren Böden anderen Gewächsen hoffnungslos unterlegen wären, die von ihren Konkurrenten dort überwuchert würden. Die zur Familie der Korbblütler gehörende und vom Naturschutz "besonders geschützten" Arnika zum Beispiel, deren kräftiges Gelb jetzt auf beiden Seiten des Weges herausleuchtet.

Es geht beim Artenschutz hier oben nicht nur um Flora, sondern auch um Fauna. Binder zeigt Richtung Osten, wo sich ein kleiner Vogel gerade mit fast an Insekten erinnernden Flügelschlägen von einem Ast nach oben stemmt. "Ein Baumpieper", sagt Binder mit freudiger Erwartung in der Stimme. "Jetzt werden wir seinen Singflug erleben, ein schönes Schauspiel." Kurz, bevor der Vogel den höchsten Punkt seines Fluges erreicht hat, erhebt er seine Stimme, mit gespreizten Flügeln und einem Gesang von laut und melodisch anschwellenden "zia, zia"-Lauten geht es fallschirmartig ziemlich steil nach unten – der Singflug ist zugleich ein Sinkflug.

"Der Singflug dient der Reviermarkung und er soll die Weibchen beeindrucken", sagt Binder. "Was sich die Vogelwelt in Sachen Balzverhalten so alles einfallen lässt, ist sowieso enorm", ergänzt er mit einem Schmunzeln, wird dann aber wieder ernst. "Leider sind das Bodenbrüter, zudem können sie ihre Nester auch noch sehr gut tarnen." Menschen, die durch die Wiesen laufen und die Nester übersehen, können dabei die ganze aktuelle Brut zerstören.

Während des Studiums arbeitet Binder als Trecking-Guide

Den Menschen sagen, was sie auf den Berggipfeln zu unterlassen haben, ist der eine Tätigkeitsbereiche des Rangers. Zwar ist die in Nachfolge von Viehhaltung entstandene Kulturlandschaft rund um den Kandelgipfel kein Naturschutzgebiet. Aber es ist ein Vogelschutzgebiet und unterliegt der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie zur Erhaltung der Lebenswelt von wildlebenden Tieren und Pflanzen. Ein kleines Stück bergan findet sich etwa ein Auerhahn-Schutzgebiet, auf dem Weg zum Gipfel entdeckt Nikolaus Binder später ein Weißzüngel. Diese auch Weiße Höswurz genannte Pflanze ist die seltenste Orchideenart am Kandel. Häufiger trifft man sie hingegen auf den Bergwiesen in alpinem Gelände an.

26 Jahre jung ist Binder. Im 900-Einwohner-Dorf Breuningsweiler, einem Stadtteil von Winnenden bei Stuttgart, ist er aufgewachsen, bei Backnang folgte dem Abi eine Forstwirt-Lehre, dann hat er in "sieben sehr intensiven Monate" in Südafrika eine Ausbildung zum Field and Travel-Guide gemacht. In Freiburg studierte Binder Waldwirtschaft und Umwelt, schon während des Studiums hat er im Nordschwarzwald als Trecking-Guide gearbeitet.

Heute wohnt er in Schönwald, von dort kann Binder sein zweites Einsatzgebiet, die mit Bergmähwiesen, naturnahen Bergwäldern und ebenfalls Borstgrasrasen vielgestaltigeren Naturschutzgebiete rund um den Rohrhardsberg, bequem mit dem Fahrrad, teilweise sogar zu Fuß erreichen. Es ist der weitaus ruhigere Flecken Schwarzwald, von Freiburg aus, deutlich schwieriger zu erreichen, mit dem Auto kommt man gar nicht bis zum Gipfel. "Die Gäste sind hier naturnäher, nur am Blindensee gibt es einen gewissen Tourismusbetrieb." Im Frühjahr war der Rohrhardsberg zwischenzeitlich Schwerpunkt seiner Arbeit, als es ein Auerhahngebiet großflächig abzusperren und zu überwachen galt, ansonsten achtet er darauf, beiden Gebieten gleichviel Beachtung zukommen zu lassen, wenn er nicht gerade im Freiburger Regierungspräsidium oder im Homeoffice in Schönwald sitzt, um Büroarbeit zu erledigen.

Die Büroarbeit, sie gehört dazu, macht aber einen vergleichsweise geringen Anteil an den Tätigkeiten eines Rangers aus, wie sie in der Region auch Achim Laber seit Jahrzehnten bereits am Feldberg und Cosima Zeller seit 2021 im Naturschutzgebiet Taubergießen versieht. "Die Grundvoraussetzung für diesen Job ist es, gerne draußen zu sein, eine Leidenschaft für Natur zu haben und diese Natur anderen zeigen wollen", sagt Binder.

Auch Müllsammeln gehört zu seinen Tätigkeiten

Hierfür wiederum braucht er eine detaillierte Artenkenntnis, die Binder in der Forstwirt-Ausbildung erhielt und sie sich selbst angeeignet hat. "Was man nicht kennt, kann man auch nicht schützen", sagt er. Nicht alle Arten müsse man gleichbehandeln, manche bedürften keines Schutzes. "Und ich muss den Leuten zeigen, warum eine Wiese schützenswert ist, ich muss ihnen Wissenswertes über das Knabenkraut oder die Arnika erzählen können."

Nicht immer stößt er auf Einsicht. "Hundebesitzer sind bisweilen eine kniffelige Aufgabe", verrät Binder. Da müsse er schon froh sein, wenn er am Ende seiner Belehrung ein murrendes "In Ordnung" erntet. Dennoch will er auf Sanktionen, die er verteilen könnte, nach Möglichkeit verzichten. "Mein Weg ist der des Dialogs, ich will den Leuten verständlich machen, warum sie etwas tun sollen."

Im kleinen Rucksack, den Binder auf seinen Streifgängen am Kandel und Rohrhardsberg dabei hat, befinden sich neben Regenjacke, Vesper und Erste-Hilfe-Koffer auch Mülltüten. Ja, auch das Müll einsammeln gehört zu seinen Tätigkeiten. "Ich mache das so nebenbei", sagt er. Und erzählt, als wir vom Kandel-Gipfel zum Parkplatz zurückkehren, von der letzten Sammelaktion, an der auf Organisation der Bergwacht diverse Gruppen wie Skiclub, Schwarzwaldverein, Naturschutzbehörde, Mountainbike-Jugend, Drachenflieger und Kandelhexen hier oben gemacht haben. "Mehr als eine Tonne Müll haben die an einem Tag hier zusammengetragen", erzählt Binder. Dazu gehörten jede Menge Kippen, Taschentücher und Müsli-Riegel-Packungen. "Aber auch" – und jetzt muss Binder den Kopf schütteln – "ein Glücksspielautomat mitten in der Natur".

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