Glücksatlas

Deutsche sind etwas unzufriedener – wegen Corona

Petra Albers

Von Petra Albers (dpa)

Mi, 18. November 2020 um 18:02 Uhr

Panorama

Weniger soziale Kontakte, Homeschooling und Kurzarbeit: Die Corona-Krise drückt laut einer Umfrage die Lebenszufriedenheit der Menschen in Deutschland.

Auf einer Skala von 0 bis 10 bewerteten die Befragten ihre allgemeine Zufriedenheit in diesem Jahr im Schnitt mit 6,74 Punkten – nach dem bisherigen Höchststand von 7,14 Punkten 2019. Das geht aus dem neuen "Glücksatlas" hervor, der am Mittwoch in Bonn vorgestellt wurde.

2020 bricht die Lebenszufriedenheit in Deutschland demnach um 0,4 Punkte im Vergleich zum Vorjahr ein. Ein Rekordminus seit Beginn der Messung 1984. Dennoch: "Wir sind keine Frustbeutel", sagte Bernd Raffelhüschen, Professor für Finanzwissenschaft an der Uni Freiburg, der den mittlerweile zehnten "Glücksatlas" im Auftrag der Deutschen Post erstellt hat. Denn trotz Corona sei der Einbruch relativ moderat ausgefallen – noch immer liege das allgemeine Glückslevel "im oberen Mittelfeld" der Skala.

Das Institut für Demoskopie in Allensbach hatte von März bis Juni – also während des ersten Corona-Lockdowns – knapp 4700 Bundesbürger ab 16 Jahren befragt. Weiterführende Daten stammen aus einer Langzeitstudie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung und einer Umfrage des Marktforschungsunternehmens Ipsos vom Juni 2020.

Frauen erlebten einen "wahren Glücksabsturz"

Männer büßten laut "Glücksatlas" weniger an Zufriedenheit ein (minus 0,33 Punkte) als Frauen, die mit minus 0,47 Punkten nach Angaben der Forscher "einen wahren Glücksabsturz" erfuhren. Grund sei in erster Linie die stärkere Belastung in der Corona-Krise – Kinderbetreuung und Homeschooling im Lockdown seien vornehmlich an den Müttern hängengeblieben. Dazu passe auch, dass die Lebenszufriedenheit von Befragten aus Familien mit drei oder mehr Kindern überdurchschnittlich sank (minus 0,9 Punkte).

Unterteilt nach Altersgruppen verloren die 45- bis 59-Jährigen am meisten an Zufriedenheit (minus 0,48 Punkte). Nach Vermutung der Forscher steht diese Altersgruppe besonders unter wirtschaftlichem Druck: Oft müssten Kredite abbezahlt, ältere Kinder finanziert und Vorsorgen für die Rente getroffen werden. Die Unterschiede zwischen den Regionen sind dem Report zufolge geschrumpft. Die Zufriedenheit der Menschen in Westdeutschland sank demnach um 0,42 Punkte und somit stärker als in Ostdeutschland (minus 0,30). "Die Corona-Krise trifft den Westen sowohl aufgrund der höheren Infiziertenzahlen als auch aufgrund heftigerer wirtschaftlicher Verwerfungen stärker", konstatieren die Forscher. Durch den Einfluss der Pandemie habe sich das Zufriedenheitsniveau in West- und Ostdeutschland nun nahezu angeglichen. Schon im vergangenen Jahr war die Differenz nur noch sehr gering.

Im Ländervergleich leben die glücklichsten Menschen nach wie vor im Norden: Schleswig Holstein und Hamburg kommen jeweils auf 6,92 Punkte. Baden-Württemberg rangiert auf Platz drei mit 6,88 Punkten. Schlusslicht ist Thüringen (6,50), das als einziges ostdeutsches Bundesland relativ stark verloren hat. Objektive Gründe dafür seien nicht erkennbar, sagte Raffelhüschen. Ohnehin habe der Regionenvergleich in diesem Jahr aufgrund einer geringeren Datenmenge und einer angepassten Methodik nur eine eingeschränkte Aussagekraft.

Ein großer Teil der Bevölkerung glaubt, gemäß der Umfrage, aber auch, dass er in 2021 wieder genauso zufrieden sein wird wie vor der Pandemie und ist froh darüber, während der Krise in einem Land wie Deutschland zu leben.

In diesem Jahr wurden die Menschen nicht nur nach ihrer allgemeinen Zufriedenheit befragt, sondern auch zum Thema Klimawandel und einer nachhaltigen Lebensweise. Das Ergebnis: Langfristig machen sich 65 Prozent der Deutschen mehr Sorgen um den Klimawandel als um die Bekämpfung des Coronavirus.

Die Auswertung zeigt zudem, dass nachhaltiger Konsum die Lebenszufriedenheit steigert. 70 Prozent der Befragten gaben an, dass ihnen der Kauf eines nachhaltigen Produktes ein gutes Gefühl gibt. Die Menschen, die konsequent nachhaltig leben, sind mit ihrem Leben zu 48 Prozent sehr zufrieden. Diejenigen, die sorglos leben, nur zu 29 Prozent. Trotz allem ist die Akzeptanz von nachhaltigen Produkten in Deutschland gering. Nur 14 Prozent sind dazu bereit für nachhaltige Lebensmittel mehr Geld auszugeben. Bei nachhaltiger Kleidung sind es lediglich 10 Prozent.